Friedbert W. "Pablo" Böhm Small is beautiful - So lautete einer der Schlachtgesänge der aufmüpfigen Jugend vor 40 Jahren.

Vor 20 Jahren saßen nicht wenige der Sänger in Regierungen, Parlamenten oder Bankvorständen. Damals bereitete sich vor, was 2008 zur Finanzkrise wurde, einer Krise, die gerade zum zweiten Schlag ausholt. Die in Fahrt gekommene Globalisierung schien alle Grenzen des Machbaren beiseite zu wischen. Beinahe alle Länder hatten sich dem freien Unternehmertum geöffnet, die Computertechnik örtliche und zeitliche Schranken eliminiert.
Die Unternehmer begannen, in Niedriglohnländer zu expandieren. Wer das nicht wollte oder konnte, war offenbar zu klein oder zu schwach dazu. Er hatte aufgekauft zu werden. Zahlreiche Traditionsunternehmen verschwanden, bis auf die Marke. Diese wanderte dann nicht selten von einem Konkurrenten zum anderen, bis sie schließlich beim größten landete.
Pfiffige Ideen, von denen man globale Renditen erhoffen konnte, wurden für Dutzende oder Hunderte Millionen gekauft. Man wollte doch keinesfalls den Zug verpassen, wenn es um universale Präsenz ging in einer Welt, in der alles möglich schien. Und vor allem durfte man nicht so klein sein, dass man zum Übernahmeziel werden konnte. Zu den Größten musste man gehören.

Manche von denen, die solche Größe anstrebten, hatten früher „small is beautiful" proklamiert. Na und? Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern! Für all das brauchte man Geld, viel Geld. Die Zentralbanken druckten es. Saßen dort nicht auch Leute, die ehemals der „small is beautiful"- Fraktion angehört hatten? Gewiss, aber man war ja reifer geworden.

Bald hatten die Banken Schwierigkeiten, all das Geld unterzubringen. Die grossen Kreditnehmer verdienten gut genug, um ihre produktiven Investitionen selbst zu finanzieren und an den kleinen war nicht viel zu verdienen. Der Ausweg war, immer größere Aufkäufe und Zusammenschlüsse anzuzetteln und zu finanzieren. Allerdings wurde dadurch das überflüssige Geld bei den Banken nicht weniger. Es floss ja nur von den Konten der Übernehmer/Käufer auf die der Übernommenen/Verkäufer.
Da erinnerte man sich an den guten alten Hypothekenkredit. Natürlich konnte man sich mit Kleinkram nicht abgeben, also wurden Tausende von Darlehen zu riesigen Paketen geschnürt, die nicht deshalb weniger begehrt waren, weil niemand mehr ihren Inhalt prüfen konnte oder wollte. Sie wurden wie eine Sendung fauler Eier auf dem Grossmarkt von Bank zu Bank geschoben und blähten überall die Bilanzsummen zur ersehnten Grösse auf.

Auch unter den Bankern gab es ehemalige „small is beautiful"-Anhänger. Ihre Begeisterung für small war inzwischen reziprok proportional zur Höhe ihrer Boni.

Gab es da nicht aber staatliche und internationale Aufsichtsbehörden, welche über die vernünftige Entwicklung gesellschaftlich so sensibler Institutionen wie Banken zu wachen hatten? Und waren dort nicht ebenfalls Funktionsträger, die einmal für „small is beautiful" auf die Straße gegangen waren? Natürlich! Die wollten aber keine Spielverderber sein. Wer war man denn schließlich, um eine Entwicklung in Frage zu stellen, die alle Branchen, alle Bereiche, alle Parteien, alle Länder umfasste? Der Primat der Größe war unhinterfragbar geworden.

Die Größten aller Landtiere waren die Saurier. Sie sind ausgestorben; zu viel Umfang, zu wenig Hirn. Anhand vergleichender Forschungen an Primaten vermuteten Biologen schon vor Jahren, dass das menschliche Hirn nicht in der Lage ist, mehr als etwa 200 Artgenossen gut genug kennenzulernen, um mit einiger Sicherheit Gutwillige, Verlässliche, Fleissige, Belastbare, Kreative zu unterscheiden von Schlawinern, Faulen und Schwachen.

Neue Untersuchungen ergaben, dass der Kreis von wirklichen „facebook"-Freunden, also solchen, mit denen man in ständiger Verbindung steht und denen man auch gewisse nicht für eine grössere Öffentlichkeit bestimmte Daten, Vorkommnisse und Meinungen mitteilt, kaum je mehr als 150 Personen umfasst.

Beide Untersuchungsergebnisse stimmen erstaunlich gut mit der Erfahrung überein, dass selbständig operierende Menschengruppen, also primitive Stämme, Heereseinheiten aller Zeiten sowie die Kerne von politischen, wirtschaftlichen, weltanschaulichen und religiösen Organisationen – solange sie funktionieren – nicht mehr als die genannte Personenmenge umfassen.
Familienbetriebe sind recht gut zu leiten, solange der Chef seine wichtigen Mitarbeiter persönlich kennt und einschätzen kann. Wenn diese mehr als 150-200 betragen, muss eine formale Organisation geschaffen werden mit Organogramm, Funktionsbeschreibungen, Kompetenzregelung und Kontrollen.

Da ist es dann nicht mehr das Auge des Inhabers oder Vorstandsvorsitzenden, welches die Mitarbeiter daran hindert, das eigene vor das Interesse des Unternehmens zu stellen. Es existiert eine in grossen Unternehmen beinahe unendliche Kette von Verantwortlichkeiten, deren letzte Glieder das erste nur noch aus der Zeitung kennen. Wenn einige Glieder – oder nur ein einziges – dieser Kette das Gemeininteresse missverstehen oder auf intelligente Weise hintergehen, kann grosser Schaden entstehen (die Beispiele bei Banken sind Legion).

Weitaus gefährlicher jedoch sind Entwicklungen, die sich sozusagen automatisch ergeben. Fehler aus menschlichen Schwächen, aus Überarbeitung, aus Fehlbesetzungen pflanzen sich in solchen Verantwortungsketten fort wie Viren im Internet. Und zwar befruchten sich hier unten und oben gegenseitig.

„98 % der Vorstandsbeschlüsse erfolgen im Sinne der Vorlage" heisst es in den Weltfirmen. Was soll der arme Vorstand auch schon verbessern an einem Vorschlag, der aus einem entlegenen der 48 ausländischen Firmenteile kommt und von Leuten im Sekretariat geprüft wurde, welche, wenn überhaupt, alle Jubeljahre einmal vor Ort sind!
Andererseits wissen das die Verantwortlichen vor Ort ganz genau und sind immer versucht, ihre Vorschläge im Sinne des Sekretariats zu machen (von welchem ihre Beurteilungen abhängen), auch wenn die örtlichen Gegebenheiten ziemlich andere Maßnahmen notwendig erscheinen lassen. So verwurzeln falsche Konzepte tief in den Strukturen und breiten sich örtlich, branchenweit, regional und politisch aus, bis sie große Teile der globalen Wirtschaft infiziert haben. Dem falschen Konzept der Größe verdanken wir die schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression.

Wirtschaftliche Größe als Wert an sich ist destruktiv. Solange sie aufgebaut wird, dient sie nur dem Ego und Vermögen der Manager und den Spekulanten. Nicht einmal die Aktionäre können sich ihrer erfreuen, denn Gewinne können ja nicht ausgeschüttet werden - sie müssen dem Ausbau der Grö?e dienen.
Dann ist das Unternehmen – insbesondere, wenn es sich um eine Bank oder anderen öffentlichen Dienstleister handelt - „systemrelevant" geworden. Seine Verluste müssen nun von der Allgemeinheit getragen werden. Da könnte man schon mal fragen, ob „systemrelevante" Unternehmen nicht von Vorneherein staatlich sein sollten.

War „small is beautiful" denn wirklich so absurd? Dem widerspricht zumindest die Tatsache, dass kleinere Länder – Schweiz, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Österreich, die Niederlande, Kanada – sowie die durch kleinere und mittlere Unternehmen geprägten Regionen der großen – Baden-Württemberg, die Lombardei, Katalonien – in aller Regel stabiler und erfolgreicher sind als große. Und der Erfolg von Weltunternehmen, etwa in der Autobranche, verdankt sich häufig dem Ideenreichtum und der Zuverlässigkeit ihrer mittelständischen Zulieferer.

Wenn man sich von diesen entfernt (wie Daimler-Banz beim gut erinnerlichen Versuch der weltweiten Technologieführerschaft) oder diese verliert (wie GM durch das Überhandnehmen importierter Teile) sind Milliardenverluste die Folge.
Ein schöner Beweis für den Vorteil von Kleinteiligkeit ist das trotz Finanzmisere unversehrte System der deutschen Sparkassen und Volksbanken. Mit Ausnahme natürlich der Landesbanken, welchen ihre Sucht nach Größe die Substanz gekostet hat. Übrigens scheint es der Weltgeltung der USA keinen Abbruch getan zu haben, dass dort jahrzehntelang die Operation von Geschäfts- und Investitionsbanken getrennt und auf den Heimatstaat limitiert sein musste.

Möglicherweise gibt es Bereiche, in denen eine Mindestgröße von der Technik und vom Arbeitsumfang her notwendig ist, etwa der Bau von großen Passagierflugzeugen. Aber selbst mittlere Tiefbauprojekte werden nicht von einer Riesenfirma sondern von Arbeitsgemeinschaften durchgeführt. Auch hat es bis vor einigen Jahren mittlere Betriebe gegeben, die sehr gute und weltweit beliebte Autos herstellten. Aber dass Supermärkte, Touristikunternehmen, Hotel- und Restaurantketten, Limonadenabfüller oder Brötchenbeleger global vertreten sein müssen, ist absurd. Sie verdrängen nur örtliche Traditionsbetriebe und verlangweilen das Leben.

Selbst bei Staaten kann bezweifelt werden, ob Größe heutzutage einen Vorteil bedeutet. Vor Napoleon dürften sich Preussen, Sachsen und Bayern, Piemontesen und Napolitaner nicht weniger mit ihrem Staat identifiziert haben denn später als Deutsche und Italiener. Ob Griechen, Iren, Portugiesen und Spanier bereit sind, der Größe des Europäertums Opfer zu bringen, wird sich demnächst zeigen.

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