Friedbert W. "Pablo"  Böhm * KolumneDer Nichtraucher, besser: Ex-Raucher, ist der mächtige Inquisiteur. In modernen westlichen Gesellschaften nimmt er den Platz ein, welchen in denen des Mittelalters die Hexenverbrenner, Ende des 19. Jahrhunderts die Rassisten inne hatten und den heute in einigen islamischen Ländern die religiösen Fanatiker einnehmen.
Der professionelle Nichtraucher diskriminiert ganze Bevölkerungsgruppen, konditioniert Regierungen von der kommunalen bis zur Bundesebene, kontrolliert die öffentliche Meinung, zerstört Existenzen, gefährdet eine ganze Branche und verarmt das gesellschaftliche Leben. Im Kernland der Freiheit, den Vereinigten Staaten, hat er eine neue unterdrückte Klasse geschaffen. Ein Schwarzer kann dort Präsident werden; bei einem Raucher wäre dies undenkbar.

Wie kam der Nichtraucher zu dieser Macht? Die Antwort ist eine Geschichte über Neid, Macht- und Geldgier und, ja, Dummheit.

Natürlich ist Rauchen gesundheitsschädlich; das wussten wir schon vor 50 Jahren, als wir damit anfingen. Es ist gefährlich wie Völlerei oder falsche Ernährung, wie übermäßiger Alkoholgenuss, Bewegungsmangel, Extremsport oder risikoreiches Autofahren. Rauchen kann Lungen- oder Kehlkopfkrebs verursachen und vergrößert das Risiko für Herzinfarkte, ist wahrscheinlich sogar risikoreicher, als im Urlaub Gelbfieber zu bekommen oder beim Spazierengehen von einem herabfallenden Blumentopf erschlagen zu werden.
Allerdings sind die Statistiken hierüber noch lückenhafter und interpretationsbedürftiger als Statistiken im Allgemeinen. Wir kommen darauf zurück. Angeblich belasten Raucher die öffentlichen Haushalte, weil sie häufigere und teurere Gesundheitsmaßnahmen benötigen als der nicht rauchende Durchschnittsbürger. Darüber gibt es gewiss überzeugende Analysen. Nie ist allerdings von der Entlastung die Rede, die Kranken-, Pensions- und Pflegekassen dadurch erfahren, dass Raucher – statistisch – mindestens fünf Jahre weniger leben.

Mehr als um die Gesundheit des Rauchers und der Kassen ist der Nichtraucher jedoch um seine eigene besorgt. Um seine Befürchtungen zu verdeutlichen, hat er sich in die Rolle eines bedrängten Opfers begeben und sich in „Passivraucher" umbenannt. Passivraucher ist einer, der sich an einem Ort befindet, wo eine Zigarette oder eine Pfeife glimmt. In einigen Gegenden der USA braucht dieser Ort nicht einmal mehr geschlossen oder überdacht, ja, nicht einmal öffentlich zu sein.

Wie gefährlich nun ist das Passivrauchen? Sehen wir uns einmal an, was unter diesem Titel auf der Website der Umweltberatung Bayern zu lesen ist (Stand 7/2000). Da heißt es zunächst einmal, dass „die zugrunde liegenden Studien Schwächen aufweisen, wie unzureichende Erfassung der Tabakexposition (der untersuchten Personen), mangelnde Vorgeschichten, verschiedene Ernährungsgewohnheiten und nicht ausreichend berücksichtigte berufliche Exposition durch Schadstoffe". Schludrige Arbeit also, diese Studien. Lasst sie uns dennoch einmal überfliegen!

Eingangs wird darauf verwiesen, dass sich unter den mehr als 4.000 Substanzen, aus denen der Rauch zusammengesetzt ist, 40 erwiesenermaßen Krebs erregende Stoffe befinden. Dann wird allerdings zugegeben, dass „die Frage, welche der Inhaltsstoffe im Passivrauch für erhöhte gesundheitliche Risiken verantwortlich zu machen sind, noch nicht abschließend zu beantworten ist. Die Ursachen sind wahrscheinlich nicht – wie lange vermutet – im Nikotin- und Kohlenmonoxid-Gehalt zu suchen, da diese mengenmäßig keine ausreichend große Rolle spielen, sondern eher in den anfangs erwähnten flüchtigen und zumeist kanzerogenen Stoffen" (also solchen, die auch auf befahrenen Straßen, in und um Fabriken oder neben dem sonntäglichen Grill anzutreffen sind).

Die vorsichtige Zurückhaltung in der Schlussfolgerung wird einem klar, wenn man die von der DFG 1999 gemessene Konzentration der einzelnen Schadstoffe an den verschiedenen verrauchten Messstellen betrachtet. Sie betrug etwa bei Cyanwasserstoff in Wohnzimmern 8-120 (Messeinheiten) und 3-49 in Büros. Das Formaldehyd kann in Wohnhäusern 8-280 betragen und in Büros 12-1.300. Bei Nikotin wurden in Büros 0,8-37 gemessen, dagegen in Restaurants 1-80.

Es liegt auf der Hand, dass solche Bandbreiten von bis zu zwei Größenordnungen keinesfalls ernsthafte Schlussfolgerungen auf Gesundheitsschädigungen zulassen. Eine Aussage „wenn du in ein Restaurant gehst, wo geraucht wird, läufst du ein Krebsrisiko" ist also genau so zutreffend wie die andere „wenn du ein bis 80 Biere trinkst, läufst du ein Risiko, betrunken zu werden". Wenn der Kellner in dem einen Restaurant mit dem Messwert 1 gefährdet ist, müsste der im anderen mit Messwert 80 längst tot sein. Drei Haare auf dem Kopf sind wenig; drei Haare in der Suppe sind viel. Drei Zigaretten in einem 100-qm-Restaurant sind wenig; drei Zigaretten im Kinderzimmer sind viel. Die Statistiken unterstützen lediglich den Gemeinplatz, dass der ständige Aufenthalt in stark verrauchter Umgebung der Gesundheit schaden kann.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass für Nichtraucher der vorübergehende Aufenthalt an einem adäquat gelüfteten Ort, wo mäßig geraucht wird, unbedenklich ist. Wie kann es sein, dass dennoch seit Jahren ein immer aggressiverer Feldzug gegen jede Art des Rauchens stattfindet?

Da kommt manches zusammen. Nichts bereitet größere Befriedigung, als mit geringen Kosten große Erfolge zu erzielen. Am Anfang dürften stark rauchende Ärzte gestanden haben, welche angesichts der verschatteten Lungen stark rauchender Patienten das Rauchen einstellten. Von Berufs wegen der Gesundheit verpflichtet, ein großes eigenes Opfer hierfür gebracht habend, sich als Benefaktoren der Gesellschaft fühlend, mögen diese Ärzte, jeder für sich, bei ihren Patienten, in ihren Kliniken, kleine Feldzüge zur Rauchentwöhnung begonnen haben. Jeder gewonnene Ex-Raucher war ein enthusiastischer Mitstreiter; bekanntlich sind Konvertiten die besten Missionare. Umso mehr, als diese Konvertiten sich beim Anblick eines Rauchers jedes Mal an vergangene eigene Glückseligkeit erinnert fühlen mussten. Also Ideologie plus Neid.

Ärzte sind geübte Lobbyisten; ein guter Teil ihrer Arbeit besteht aus dem Kampf um öffentliche Mittel. Nichtraucherorganisationen wurden gegründet und vom Staat finanziert. Schließlich ist es für jede Regierung schmückend, etwas für die Volksgesundheit zu tun! Wissenschaftliche Studien konnten nun betrieben, Statistiken erarbeitet, breite Medienwerbung eingesetzt werden und es gab in den Organisationen feste Mitarbeiter, für welche der Feldzug gegen die Raucher eine Existenzgrundlage war. Nun war die Inquisition geschaffen, der Sieg des Plakativen, der Parolen, über die abwägende Vernunft vorgezeichnet. „Wenn die Fahnen wehen, fliegt der Verstand durch die Trompete" lautet ein altes ungarisches Sprichwort.

Am Anfang jeder Massenbewegung steht eine kritische Masse Überzeugter. Sobald diese Masse erreicht war, kannte der Feldzug kein Halten mehr. Jeder Widerspruch gegen die Postulate der Rauchergegner wurde im Keim erstickt: Lasterhafter Schwacher! Lobbyist der Tabakindustrie! Volksfeind! Politiker aller Parteien sprangen auf den nun abgefahrenen Zug auf, erreichten Werbeeinschränkungen für die Tabakindustrie und Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden. Die Bewegung hatte nun die Unterstützung immer zahlreicher Ex-Raucher, für welche es schon ein Ärgernis war, jemand anderen rauchen zu s e h e n. War ein genüsslich Rauchender nicht eine Provokation für jemanden, der in heldenhafter Aufopferung für das Gemeinwohl dem Laster entsagt hatte? Sie reagierten ihren Frust gegen Raucher auch auf Bahnsteigen ab, in Freilichttheatern und auf Friedhöfen. Bald gab es nicht mehr rauchfreie Zonen, sondern die Raucher mussten gewärtig sein, überall angefeindet zu werden, wo nicht, in irgendeiner Ecke, das Rauchen expressis verbis erlaubt war. Allerdings waren diese Ecken bald derart verqualmt, dass selbst mäßige Raucher sie mieden.

Jetzt ist der Druck auf den Raucher allgegenwärtig. Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen, Skatpartner, Klubkameraden, Nachbarn, Geschäftsfreunde drängen ihn, seine gemeingefährliche Gewohnheit aufzugeben. Freundschaften sind an einer Pfeife zerbrochen. Ein Asozialer ist der Raucher. Man sehe sich seine Grüppchen an, die auf den Bürgersteigen vor den Büros und Geschäften oder, wie ehemals die Aussätzigen, in hermetisch abgeschlossenen Boxen auf Flughäfen ihre schuldbeladene Zigarette rauchen! Passivraucherschutz? Welches Risiko würde ein Nichtraucher schon laufen, wenn er auf einer Reise alle 100 Meter durch 5 Meter Raucherbereich laufen müsste!

Nein, der Passivraucherschutz ist eine reine Schutzbehauptung, eine Ausrede. Asche und Kippen machen Dreck. Dreck muss beseitigt werden und das kostet Geld. Deshalb ist das Gaststättengewerbe froh, keine Aschenbecher mehr bereitstellen zu müssen. Seit Rauchen verfemt ist, bedeutet der Ausschluss der Raucher keine Nachfrageminderung mehr, aber weniger Reinigungspersonal (und, vor allem in Flugzeugen, geringere Prämien für die Feuerversicherung). Die Deutsche Bundesbahn, welche auf ihren zugigen Bahnsteigen für Raucher gerade noch 3 mal 4 Meter kleine Reservate offeriert, begründet dies ganz offen mit der Notwendigkeit größerer Reinlichkeit (also geringerer Reinigungskosten). Passivraucherschutz ist nur ein Nebenmotiv. Ihr wäre die Weisheit jenes niederdeutschen Gastwirts zu wünschen, welcher Reinlichkeit mit dem Hinweis erreicht „Bitte werfen Sie Ihre Kippe nicht in mein Pinkelbecken; ich pinkle ja auch nicht in Ihren Aschenbecher!"

Vorbei die Zeiten, da ein 5-Sterne-Hotel sein unverwechselbares Flair erst durch den Duft feiner Orientzigaretten im Foyer erhielt und derjenige von Opas Havanna zum Sonntagnachmittag gehörte. Als das Aroma einer Pfeife deren Besitzer noch identifizierte, nachdem er schon um die Ecke gegangen war. Ein Denker, der seine Phantasie sich zwischen elfenen Rauchkringeln entwickeln lässt, ist zur Gosse verurteilt. Zum Aussätzigen hat ihn die Inquisition der professionellen Nichtraucher gemacht.

Bevor man seinen Scheiterhaufen errichtet, wird der Raucher auswandern müssen. Am Besten in die Antarktis...

 

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