Friedbert W. "Pablo"  Böhm
Die schöne Rousseausche Idee, der Mensch sei edel, hilfreich und gut geboren und nur durch die Zivilisation verdorben, ist leider von der Wissenschaft unaufstehbar zu Grabe getragen. Wie alle Lebewesen von der Amöbe bis zum Schimpansen hat die Evolution den Homo Sapiens mit ausreichend Aggressivität ausgestattet, um sich in seiner Umwelt durchzusetzen; seine Erfolge dort liegen zu Tage. Was seine innerartliche Aggression anbetrifft: Nachbarlicher Zwist und Krieg sind ein beinahe selbstverständlicher Teil des Lebens von Individuen und Gemeinschaften.

Alle Bemühungen von Religionsstiftern und Gesetzgebern, Aggressionen einzuschränken – „du sollst nicht töten, nicht deines Nachbarn Frau, Ochs, Esel begehren" etc. - hatten nur recht bescheidene Wirkung. Eigentlich hatten sie gar keine. In manchen Regionen fährt man fort, sich wie zu Kains Zeiten die Schädel einzuschlagen. Und wo, wie innerhalb der Westlichen Welt, Handgreiflichkeiten tabuisiert sind, greift man sich mit Worten an sowie mit geschäftlichen Strategien, Taktiken, Kniffen, Fallen.

Wenn an Schulen und Universitäten noch gelehrt wird – es ist immer seltener so - , dass wirtschaftlicher (und politischer) Wettbewerb darin besteht, bessere, preiswertere Produkte und Vertriebswege (oder vernünftigere Lösungen für gesellschaftliche Probleme) als die Konkurrenz zu erfinden, dann ist das reine Heuchelei.

Zukunft hat in den Unternehmen (und politischen Parteien) in aller Regel nur, wer die Konkurrenz übertönt, austrickst, besticht, übervorteilt, erdrückt oder übernimmt. Damit kein Zweifel darüber bestehen kann, dass das Gesetz des Dschungels herrscht, wird von Bewerbern ausdrücklich Aggressivität verlangt.

Im Kulturbetrieb ist es nicht viel anders. Ein Künstler kann noch so kreativ, feinfühlig, handwerklich perfekt sein; wenn er um seine Erzeugnisse nicht mehr Rummel als die Konkurrenz macht, also nicht aggressiver als jene ist, wird er kaum beachtet.

Der einzige Bereich, in dem Aggressionen einigermassen offen und ehrlich ausgetragen und bewertet werden, ist der Sport. Über den abgelutschten Spruch „Teilnahme ist alles" wird inzwischen schon im Kindergarten gelacht. Nicht von ungefähr haben die wildesten Sportarten – Fussball, Boxen, Rugby, Eishockey – die fanatischsten Anhänger. Offenbar dient die öffentliche Austragung von Aggressionen manchen Leuten dazu, die eigenen abzubauen, durch Geschrei im und nicht selten Keilerei nach dem Stadion.

Nun könnte man sagen (und man tut das klammheimlich auch), dass man (also die Überlebenden der Menschheit) nicht so schlecht gefahren ist mit seiner Aggressivität. Schliesslich hat die Menschheit trotz aller Kriege, Unterdrückung und sonstigem Drangsal beinahe den ganzen Globus urbar und fischbar gemacht und damit einen Wohlstand errungen, der im vergangenen halben Jahrhundert grosse Teile der Westlichen Welt und nun auch zunehmend die restlichen Regionen erfreut.

Bei genauerem Hinsehen jedoch ist dieser Fortschritt nicht unserer Aggressivität zu verdanken, sondern, ganz im Gegenteil, dem Wunsch nach friedlicher, wohlwollender und rationaler Zusammenarbeit. Ohne die Vereinten Nationen (die versuchen, für Waffenfrieden zu sorgen), die Welthandelsorganisation (die dasselbe beim Handelsfrieden versucht) und dem Weltwährungsfonds (der durch aggressive, dumme Finanzmanöver entstandene Schäden zu reparieren versucht) wäre dieser Wohlstand nicht denkbar.

Diese Organisationen verdanken ihr Entstehen und ihre – wenn auch sehr partielle und ständig bedrohte – Wirkung dem Einsatz vernünftiger Politiker, welche die Betroffenheit der durch Katastrophen (Weltkriege, die Große Depression, den Ölpreisschock) verängstigten Gesellschaften dazu bringen konnten, ihre Aggressivität zu Gunsten zukunfsträchtiger Zusammenarbeit ein wenig einzuschränken.

Glücklicherweise besitzen wir Menschen, ähnlich wie andere gesellige Wirbeltiere, auch Anlagen für den Gemeinsinn. Gemeinsinn ist die Ausdehnung der Verantwortungsbereitschaft über den Kreis der Verwandten hinaus. Wir haben nicht nur genetisch Verbundene, mit denen wir (ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht) zum Schutz unserer eigenen Gene zusammenarbeiten müssen; wir haben auch geistig Verbundene, mit deren Hilfe wir Ziele anstreben und erreichen können, die nicht nur deinen und meinen Interessen dienen, sondern denen der ganzen Menschheit.

Hier ist nicht von Freunden die Rede. Freunde haben auch Affen, Hunde und Schweine. Die Rede ist von einem universalen Verbund rational denkender und handelnder Menschen. Die oben genannten internationalen Organisationen sind ein Ansatz dafür.

Ein Ansatz aber, der ständig in Gefahr ist, zu versickern. Nationale, regionale und Wirtschaftsinteressen wirken unentwegt auf die Politik ein, um aggressionsmindernde Entwicklungen zu blockieren. Wachstumshemmend seien sie und ihre Befürworter werden als „Gutmenschen" lächerlich gemacht.

So kommt es, dass diktatorischen, aggressiven Regimen nur dann entschieden entgegengetreten wird, wenn diese nicht gute Handelspartner oder gar wichtige Öllieferanten sind. Und im Sinne einer aggressiven Wachstumspolitik werden finanzielle Missstände, statt sie zu beseitigen, immer wieder in die Zukunft verschoben.

Dass wir Menschen dabei sind, unsere Existenzgrundlage durch aggressive Ausbeutung der natürlichen Reserven unseres Planeten und Dezimierung anderer Lebensformen stark zu gefährden, bezweifelt inzwischen kein seriöser Wissenschaftler mehr. Dennoch scheinen wir nicht in der Lage zu sein, uns mit einer weniger expansiven, weniger aggressiven, also bescheideneren Lebensweise abzufinden.

Wenn es etwas gibt, was uns Menschen von anderen Tieren unterscheidet, ist es die Möglichkeit, unsere angeborene Aggressivität zu kontrollieren. Das ist nicht Sache der Regierungen. Jeder Einzelne steht hier in der Verantwortung. Es fängt bei der Kindererziehung an. Solange wir darauf stolz sind, dass unser Söhnchen ein Draufgänger ist – ein Macho, der alles unterkriegt, was ihm in die Quere kommt – und unsere Tochter eine coole Puppe oder Emanze – die sogar die Machos unterkriegt – werden wir fortfahren, aggressive Bürger zu schaffen. Solange wir selbst es resigniert hinnehmen, dass die Aggressiven uns im täglichen Leben beeinträchtigen – durch flegelhaftes Benehmen, freches Vordrängen, lügenhafte Werbung und andere Versprechungen, durch unerbetene Telefonanrufe oder Überschwemmung mit Flugblättern, durch Lärm, Dreck, Wegnahme der Vorfahrt oder Parken auf Fussgängerübergängen, durch Besetzung von Bürgersteigen und Strassen, sogar Schulen – solange werden wir keine Gesellschaften haben, die vernünftige Politiker wählen.

Es liegt an dir und mir, zu einer friedlicheren, nachhaltigeren Entwicklung beizutragen. Eine gute Richtlinie dafür wäre ein Elftes Gebot (in Abwandlung des Paragraphen 1 der deutschen Strassenverkehrsordnung): Jeder Mensch hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

 

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