Friedbert W "Pablo" BoehmMillionen Arten des Lebens waren auf jenem sonnennahen Planeten entstanden. Sie hatten sich alle aus ganz einfachen Ursprüngen entwickelt, die einem einzigen Mandat gehorchten: Jedes Individuum trachte danach, den grösstmöglichen Teil des Planeten für sich und seine Nachkommen zu reservieren!

      Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Individuen und die aus ihnen entstandenen Arten dabei erfolgreich sein konnten; schliesslich ist der Planet ja endlich. In der Auseinandersetzung um die Aufteilung des Raumes entstanden zahlreiche Strategien, solche der Quantität oder der Qualität, andere der Universalisierung oder der Spezialisierung, Strategien der Tarnung, der Täuschung, der Überraschung. Die Arten kamen, wandelten sich, gingen, je nachdem, wie es ihnen gelang, sich den ständig neuen Umweltbedingungen anzupassen.

      In diesem unablässigen Gerangel taten sich mit der Zeit solche Arten hervor, die auf Qualität gesetzt und ein sogenanntes Grosshirn entwickelt hatten. Die Individuen dieser Arten brauchten nun nicht mehr nur ihren angeborenen Instinkten zu gehorchen, sie konnten Situationen einschätzen und entsprechend reagieren. So waren sie in der Lage, Erfahrungen zu machen und von Ihresgleichen deren Erfahrungen zu übernehmen. Lernfähig waren sie geworden. Und manche lernten, dass es im Daseinskampf vorteilhaft sein konnte, sich mit anderen zusammen zu tun. Neben das allgemeine Prinzip des „Fressens oder Gefressenwerdens“ trat bei diesen Arten ein neues, das der Zusammenarbeit.

      Zusammenarbeit setzt Verständigung voraus. Diese beherrschten mehrere der Grosshirnarten recht gut. Sie kommunizierten mittels aller möglicher Varianten der Körpersprache und durch chemische oder Schallsignale. Aber eine Art der Grosshirner übertraf alle anderen. Sie erfand die Lautsprache und dann die Schrift. „Menschen“ nannte sich diese Art. (Aber manche betrachten das als Übertreibung. Sie halten den „Homo Sapiens“, wie die Art wissenschaftlich genannt wird, eher für ein Bindeglied zwischen Primat und Mensch.)

      Der Homo Sapiens also – oder Mensch, wenn man durchaus will – dominierte mit seinen überlegenen Verständigungsmöglichkeiten und daraus resultierenden materiellen Errungenschaften irgendwann alle anderen Arten und breitete sich über den ganzen Planeten aus. Das Mandat des Lebens, einen möglichst grossen Raum zu besetzen, schien der Mensch erfüllt zu haben. Allerdings ergab sich nun eine neue Herausforderung.

      Der Mensch kam sich selber ins Gehege. Angesichts der weitgehenden Abwesenheit ausserartlicher Konkurrenz diversifizierte sich die Spezies nach innen. Um Lebensraum kämpfte man nun nicht mehr gegen andere Arten sondern gegen andere Völker. Das ging so weit, dass manche Völker sich als Arten betrachteten; ihre Bezeichnung für sich selbst war identisch mit der für Mensch. Das Prinzip der Zusammenarbeit galt nur noch innerhalb des Volkes. Nach aussen eroberte man oder wurde erobert.

      Am erfolgreichsten im innerartlichen Kampf waren die Völker, die auf kleinem Raum viele Menschen ernähren konnten. Das war, nach Erfindung des Ackerbaus, hauptsächlich an den Ufern oder Mündungen grosser Flüsse der Fall, wo es überreichlich fruchtbare Böden und Wasser gab und wo man sich per Schiff bequem und schnell bewegen konnte. Dort war es leicht, mit wenigen Entschlossenen und gut Bewaffneten viele Bauern und Handwerker zu beherrschen. Und wenn die Güter und Arbeitskräfte zu Hause unzureichend erschienen, konnte man sich auf diese Weise beim womöglich schwächeren Nachbarvolk Nachschub verschaffen.

      So entstanden in diesen privilegierten Ackerbaugebieten die ersten Grossreiche und Kulturen. Ihre Voraussetzung war die Beherrschung Vieler durch Wenige, ihre hauptsächlichen Mittel waren Krieg, Handel und, dazwischen, wortgewaltige und schlitzohrige Diplomatie. Besonders stabil waren solche Reiche nicht, denn ihre Existenz hing wesentlich von grossen Führungsfiguren ab, die ihre Landsleute mitreissen oder terrorisieren konnten. Wenn solche Figuren nicht zur Verfügung standen, wurde das Reich von Fremden erobert, was sich die Volksgenossen gefallen lassen mussten. Sie waren ja nicht gewohnt, Entscheidungen zu treffen, nicht einmal, eigene Vorstellungen zu entwickeln oder gar für diese einzutreten. Sklaven waren die Meisten von ihnen, Werkzeuge in den Händen einer kleinen Minderheit, rechtlich nicht einmal Menschen. Für die Herren um den Führer galt Arbeit als Schande. Sie lebten im Luxus, schrieben allenfalls schöne Gedichte oder frönten der Liebe zur Weisheit (wobei allerdings mehrerlei später für die Wissenschaft Nützliches abfiel). Nach zwei Göttern, welche in einem jener Reiche für Handel, Diebe, Reisende und Krieg zuständig waren, wollen wir diese Art der Weltanschauung MARSKURIER-Kultur nennen. Ihre Essenz ist die Befolgung des natürlichen Expansion-Mandats mit kulturellen Mitteln, also Überredung oder Waffengewalt. Als gesellschaftliche Maxime hat sie das Nullsummenspiel: Unser Vorteil muss notwendig der Nachteil der Anderen sein. Die Maxime durchdrang diese Völker mit der Zeit derart, dass selbst bei vielen Einzelnen Glück nur durch Demütigung des Nächsten möglich erschien.

      In den weniger von der Natur gesegneten Gegenden verlief die Entwicklung der Völker anders. Es waren dies kalte, bergige und sumpfige Urwälder im unwirtlichen Innern der Kontinente. Das im Wald weidende Vieh und die auf wenigen Lichtungen gedeihende Feldfrucht konnten nur kleine Gemeinwesen ernähren. Wenn diese nicht gerade an einem der wenigen schiffbaren Flüsse lagen, waren sie vom Rest der Welt abgeschnitten, denn der Nutzen des Handels kompensierte im Allgemeinen nicht die Mühsal des Ochsenkarrentransports auf Trampelpfaden. Auf sich selbst angewiesen, was Nahrung, Kleidung, Obdach und Verteidigung betraf, mussten diese kleinen Gruppen Gemeinsinn entwickeln und ihre Mitglieder Initiative sowie recht universelle Fähigkeiten. Arbeiten mussten alle, denn die kargen Umstände erlaubten keine Schmarotzer. Da alle zum Unterhalt der Gemeinschaft beitrugen, wollten, konnten und durften auch alle mitreden, wenn es um die Gemeinschaft betreffende, also politische, Entscheidungen ging. Unter diesen Menschen gab es kaum Helden oder Genies, aber beinahe alle waren ziemlich nützlich und selbständig, was den Gemeinden Stabilität verlieh. Wir wollen diese Kultur die der MINERVIER nennen, nach einer Göttin, welcher die Pflege des Ackerbaus, des Handwerks, des Friedens und der Weisheit oblag. Die Minervier-Kultur setzt auf grosshirnige Zusammenarbeit: Lasst uns gemeinsame Interessen suchen, die wir zusammen mit unseren Nachbarn besser verfolgen können als jeder für sich!

      Man darf sich nun nicht vorstellen, dass beide Kulturen auf jenem Planeten fein säuberlich getrennt neben einander her gelebt hätten. Selbstverständlich versuchten die Marskurier ständig, die Minervier sich untertänig zu machen, wodurch die Letzteren gezwungen waren, ihre Kooperationsbereitschaft und Friedensliebe hintanzustellen, sich zu bewaffnen und zu verteidigen. Andererseits besassen die Völker der ersteren Kultur zwar kriegerische Traditionen, aber in ihren Menschen war das zweite Prinzip des höheren Lebens, das der Zusammenarbeit, genauso genetisch verankert wie in denen der Letzteren, so dass friedlicher Fortschritt stellen- oder zeitweise sich durchaus einstellte. Beide Kulturen wetteiferten miteinander, bekriegten sich häufig und durchdrangen sich teilweise. Bei oberflächlicher Betrachtung sah es so aus, als ob manche Völker mal der einen, mal der anderen angehörten und die Kulturen zusammenwuchsen.

      Tatsächlich aber blieb selbst nach unzähligen Generationen in den Völkern ein marskurischer oder minervischer kultureller Kern erhalten. Das erklärt sich aus der Trägheit der Traditionen. In einer so grosshirnigen Art wie der der Menschen ist das angesammelte gemeinsame kulturelle Erbe für das Verhalten beinahe genauso bestimmend wie es in Individuen das Erbgut ist. So wurden bei den Marskuriern die Knaben selbst dann noch zu herrschsüchtigen Helden und die Mädchen zu eitlen Puppen erzogen, als umfangreiche Erfahrungen über die Vorteile gedeihlicher Zusammenarbeit längst andere Erziehungsziele suggeriert hätten. Und die Minervier achteten selbst in Kriegszeiten und nach gewonnenen Schlachten in der Regel darauf, ihre Kinder friedlich, arbeitsam und bescheiden zu erziehen und dies ihren Nachbarn oder besiegten Feinden nahezubringen.

      Keine Frage, dass die Minervier im Lauf der Jahrhunderte erfolgreicher waren. Da es bei ihnen eine breite Schicht verantwortlicher und selbständig denkender Leute gab, erfanden sie unentwegt nützliche Dinge. Und da es ihnen widerstrebte, Menschen wie Arbeitstiere einzusetzen, erdachten sie Maschinen, um diese Dinge schneller und besser herzustellen. Natürlich galt das auch für Waffen, so dass die Minervier-Völker mit der Zeit die Überhand über jene der Marskurier gewannen. Sie zogen schon ihren Vorteil aus dieser Überlegenheit, aber im Allgemeinen knechteten sie die Unterlegenen nicht. Vielmehr versuchten sie auf vielerlei Weisen, die weniger erfolgreichen Marskurier von ihren Anschauungen zu überzeugen, damit auch diese vorwärts kämen.

      Das behagte den Marskuriern wenig. Ihre Eliten nahmen gern die nützlichen Dinge der Minervier, erleichterten sich damit das Leben und verbesserten ihre Arsenale. Aber das Ansinnen, ihre Vorstellungen zu ändern, das wiesen sie entrüstet zurück. Kolonialismus nannten sie so etwas, schleichenden Imperialismus, denn sie hatten keine Lust, die Macht zu teilen oder gar ihren patriarchalischen Lebensstil gegen etwas so Mühsames und Langweiliges einzutauschen wie Arbeit. Die Führer verwiesen ihre armseligen Untertanen auf die heroische Geschichte des Volkes und wurden nicht müde zu predigen, dass das Wohlstandsgefälle zwischen ihnen und den Minervier-Völkern ausschliesslich auf die ausbeuterischen Machenschaften der letzteren zurückzuführen seien. In einigen Marskurier-Völkern wurde so der Hass derart aufgestachelt, dass viele ihrer Menschen den Sinn des Daseins darin sahen, den Minerviern wo immer es geht Schaden zuzufügen, selbst unter Aufgabe des eigenen Lebens. Dazu gab es immer bessere Gelegenheiten, aus drei Gründen:

      Zum Einen waren ungeheure technische Fortschritte erzielt worden, so dass die Menschen über beide Kernkulturen und alle Völker hinweg derart vernetzt waren, dass sie sich von jedem Punkt des Planeten aus jederzeit verständigen und viele auch mit geringer Mühe  überall hin reisen konnten. Das erleichterte ungemein die Logistik und Tarnung der marskurischen Kämpfer. Sie konnten sich unentdeckt in minervischen Zentren aufhalten und ungehindert spektakuläre Attentate verüben.

      Der andere Grund war eine mähliche Schwächung der Minervier-Kultur. In den meisten Völkern dort war das Leben durch die technischen Errungenschaften so einfach geworden, dass die Menschen jene Prinzipien und Tugenden zu vergessen begannen, die am Anfang der Erfolgsgeschichte ihrer Kultur gestanden hatten. Fleiss, Verlässlichkeit und Sparsamkeit galten Vielen als „Sekundärtugenden“. Zahlreiche Andere fingen an, die marskurische Denkungsart heldenhafter Leichtlebigkeit attraktiv zu finden, wozu auch die ihnen anerzogene Neigung zur Toleranz förderlich war. Einen „multikulturellen“ Planeten strebten sie an. Dass die von ihren Vorfahren in vielen Generationen mühsam erworbene Freiheit dabei auf dem Spiel stand, schienen sie nicht zu begreifen oder es störte sie nicht. Auch fanden sie nichts mehr dabei, dass in wirtschaftlichen Dingen das bei ihnen altbewährte Prinzip „leben und leben lassen“ zusehends ersetzt wurde durch die marsmerkurische Devise „dem Gewinner Alles“.

      Und drittens versuchten die Regierungen der minervischen Völker, der Terroristen Herr zu werden durch Einsatz massiver Waffengewalt in den Regionen, wo ihre Nester waren oder vermutet wurden, sowie durch empfindliche Einschränkungen der Freizügigkeit in ihren eigenen Ländern. Ersteres war so zwecklos, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. Und letzteres barg das Risiko, ihre eigene Kultur auszuhöhlen, was den Absichten der Gegner just entgegen kam.

      In einer Art planetarischem Parlament sind die Menschen jetzt dabei, Auswege aus der immer bedrohlicheren Konfrontation zu suchen.

                                     ***

Jener sonnennahe Planet wird zu beobachten sein. Wie selten in der Geschichte des uns bekannten höheren Lebens spielt sich auf ihm derzeitig der Widerstreit ab zwischen dessen allgemeinen Grundprinzipien der aggressiven Expansion und der friedvollen Zusammenarbeit (dort Barbarei und Aufklärung genannt). Die sich für Menschen haltende Spezies Homo Sapiens lässt gewisse Hoffnungen zu, dem Planeten vorerst die Einstufung „zivilisationsfähig“ zu belassen.

 

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