MALTHUS-ZEIT                                          
Gehet hin und mehret euch, und macht euch die Erde untertan!

BabyCollage 

Alle reden von Klimawechsel, Erderwärmung. Immer mehr Kraftwerke, Fabriken, Fahr- und Flugzeuge, Heizungen, Werkzeuge und Grossvieheinheiten produzieren Gase, die die Erdatmosphäre verändern. Experten warnen davor, dass in wenigen Jahrzehnten viele Inseln und Küstengegenden mit Millionenbevölkerungen vom Meer verschlungen werden und wesentliche Teile Südeuropas, des Südwestens der USA und Brasiliens sich in Wüsten verwandeln können.

      Alle reden von der Arbeitslosigkeit. Fortschreitende Automatisierung und Rationalisierung machen die menschliche Arbeitskraft zunehmend entbehrlich. Nach einem sarkastischen Wort des nordamerikanischen Wirtschaftsjournalisten Rifkin wird es in der Fabrik der Zukunft gerade noch zwei Lebewesen geben: einen Arbeiter und einen Hund. Der Arbeiter gibt dem Hund das Fressen. Und der Hund passt auf, dass der Arbeiter nicht an eine Maschine geht.

      Alle reden von Migration. Von den Tausenden von Afrikanern, die über Mittelmeer und Atlantik nach Südeuropa einsickern. Von den Tausenden von Asiaten, die ständig im Begriff sind, nach Mitteleuropa zu schlüpfen und den vergeblichen Bemühungen der USA, sich der Flut illegaler Einwanderer aus dem Süden zu erwehren.

      Alle reden vom Rohstoffmangel, von den Abfallproblemen, vom Artensterben. Da Erdöl und –gas ständig teurer werden und ihre Verfügbarkeit politisch immer ungewisser, andererseits die „weichen“ Energieträger weit davon entfernt sind, die stark steigende Nachfrage zu befriedigen, kommt man in zahlreichen Ländern auf die Jahrzehnte lang als verwerflich geltende Atomenergie zurück und ist dabei, weitere Milliarden in die Entwicklung der Kernfusion zu investieren, deren praktische Anwendung seit einem halben Jahrhundert vergeblich versucht wird. Die Aufbereitung, Beseitigung oder Endlagerung unserer Abfallberge verspricht bald mehr Mittel zu binden als die Produktion der Güter, durch die sie verursacht wurden. Und der – allem Ermessen nach vergebliche - Schutz der letzten in freier Wildbahn lebenden Nashörner und Pandas mehr als die Befriedigung der Grundbedürfnisse der die Reservate umgebenden Menschen.

      Alle reden vom Werteverfall. Familien, Nachbarschaften, Kommunen und Parteien zerfallen in Individuen, Cliquen, Interessengruppen, Banden. Ständig wachsende Bevölkerungsteile entgleiten der Gesellschaft. Bildungsnotstand, Armut und Politikverdrossenheit befruchten sich gegenseitig, genau wie Drogenabhängigkeit und Kriminalität. Die Gesellschaften geraten aus den Fugen.

      Aber niemand redet ernsthaft von der gemeinsamen Wurzel aller dieser Übel, von der Bevölkerungsexplosion.

      Eine Überzahl von Menschen fragt mehr Rohstoffe nach, als aus dem Planeten gewonnen und produziert mehr Abfälle, als auf ihm verbrannt, verklappt, vergraben werden können, ohne seine Oberfläche nachhaltig dessen zu entkleiden, was die Entwicklung der uns bekannten Lebensformen, einschliesslich des Menschen, erst ermöglichte.

      Zudem bedroht eine Überzahl von Menschen nicht nur die Existenz sehr zahlreicher anderer Arten, sie gefährdet die Menschheit selbst. Homo Sapiens ist nicht dafür gemacht, wie manche Insekten oder Fische in Schwärmen zu leben; er ist ein Gruppentier. Alle religiösen und ideologischen Bemühungen, dies zu ändern, den Neuen Menschen zu schaffen, haben hieran nicht viel ändern können („der Homo Sapiens ist das Bindeglied zwischen dem Affen und dem Menschen“). Gruppen sind hierarchische Gesellschaften, in denen man sich kennt. Jeder weiss ungefähr, was er von jedem anderen zu erwarten hat. Biosoziologen halten 200 für eine angemessene Zahl für Gesellschaften des Homo Sapiens (bei kleinhirnigeren Primaten ist diese Zahl geringer). In unseren Millionenstädten, in Unternehmen mit Hunderttausenden von Mitarbeitern, die eine Multimillionen-, bald Milliardenkundschaft bedienen (oder beherrschen) sinkt der Einzelne auf den Status eines Herings herab, bestenfalls auf den eines Gnus. Er ist aber kein Gnu! Wen wundert es, dass er sich über- oder unterfordert fühlt, ausgegrenzt, unfrei, entwürdigt? Dass er Geborgenheit sucht und Anerkennung in Banden, extremen Ideologien, obskuren Sekten? Oder sich resigniert mit seinen Computerspielen einschliesst?

      Aber das Thema der Übervölkerung ist tabu, da unpopulär. In den wohlhabenden Gesellschaften, die auch die tonangebenden sind, ist man eher um die Renten besorgt, die durch Geburtenrückgang gefährdet erscheinen. Dass aber diese Gesellschaften gerade einmal etwas mehr als 10 Prozent der Erdbevölkerung ausmachen, wird verdrängt. Gläubige Christen nehmen das „Mehret euch...“ –gebot der Bibel (und die seltsam altertümliche Haltung des Vatikans zu Verhütungsmethoden) gern zum Vorwand, ihrem wie jedem Lebewesen inhärenten Drang zur ungehinderten Vermehrung trotz aller aufklärerischen Patina freien Lauf zu lassen. Und in der sogenannten Dritten Welt existiert eine unheilige Interessengemeinschaft zwischen populistischen Regierungen und armen Wählern mit dem Ziel, den überholten Mythos aufrecht zu erhalten, Kinderreichtum sei ein Segen: Arme haben viele Kinder, weil sie hoffen, dass wenigstens eines davon sie aus der Armut erlöst. Arme sind manipulierbar. Populisten schaffen mehr Arme, damit mehr manipulierte Arme Populisten wählen.

      Zu Beginn unserer Zeitrechnung lag die Zahl der Menschen unter der graphischen Darstellbarkeit. Da existierte der Homo Sapiens schon mehr als 50.000 Jahre. Ackerbau, Viehzucht, Rad und Eisenverarbeitung, Schrift und Rechtsordnungen waren erfunden. Um das Mittelmeer und in Ostasien existierten wohlhabende Gesellschaften mit regem Geistesleben. Wenn diese sich darauf konzentriert hätten, Qualität vor Quantität zu setzen, also  ihre Kenntnisse in der Bevölkerung und der Region zu verbreiten, diese zu „entwickeln“, dann hätte dies einer gedeihlichen Entwicklung der Menschheit förderlich sein können und wir würden heute vielleicht nicht über den Klimakollaps reden.

      Stattdessen betrieben sie Expansion. Wenn ein Nachbar erobert war, lockte der nächste. Dazu wurden viele Krieger und sonstige Menschen gebraucht und verschlissen. Geburtenüberschuss wurde zur Staatsraison, ist es vielerorts heute noch. Der Alte Fritz prügelte seinen Bauern die Kartoffel hauptsächlich mit dem Ziel ein, seine Soldaten zu versorgen und Nachschubproblemen beim Menschenmaterial vorzusorgen. So wie die Neue Welt durch Jus Solis den Geburtenüberschuss an sich binden wollte und will, wollte und will die alte ihn durch Jus Sanguinis zurückholen. In manchen Ländern wird die Geburt des siebenten Sohnes durch die Patenschaft des Staatspräsidenten belohnt (der sich dann aber mitnichten um Aufzucht und Erziehung der sechs Brüder und wer weiss wie vielen Schwestern kümmert).

      Solch ungehemmte Vermehrung überforderte unseren Planeten und die Menschengesellschaft nicht, solange der Fortschritt durch Handarbeit und Segelschiffe befördert, Krankheiten durch Anlegung von Blutegeln bekämpft wurden und weite, fruchtbare Flächen zur Aufnahme nachgeborener Söhne zur Verfügung standen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb die Erdbevölkerung unter 500 Millionen, weniger als die Hälfte der heutigen Inder. Kurz darauf wurde – wie weithin heute noch – der britische Volkswirt Robert Malthus ignoriert oder verlacht, der als erster auf eine höchst bedrohliche Bevölkerungsexplosion hinwies. Er sah ein geometrisches Wachstum der Menschheit voraus und Ernährungsengpässe. Seine Zahlen waren irrig, weil er nicht voraussehen konnte, dass  die Menschheit ab Mitte des XX. Jahrhunderts durch Erdöl ernährt werden würde – dasjenige, aus dem unsere Düngemittel gewonnen werden und das unsere Landmaschinen und Transportmittel betreibt.  Seine Grundbefürchtung war es nicht, bald werden die Ölreserven zu Ende sein.

      Damals begann die Industrialisierung. “Der Hände Arbeit“, welche die Erdoberfläche trotz aller Mühe nicht mehr als ritzen hatte können, wurde ersetzt durch tausendmal stärkere Motoren. Für ihren eigenen Betrieb und die ständig steigenden Bedürfnisse der Menschen schoren diese die Erde, rissen sie auf, wühlten sie um und um, durchlöcherten und trockneten sie aus oder überfluteten sie, Berge versetzend, durchpflügten auch alle Gewässer und die Atmosphäre und hinterliessen überall den Dreck ihrer Maschinen und ihren eigenen. Das Ergebnis ist eine auf für Malthus unvorstellbare bald sieben Milliarden angewachsene Erdbevölkerung. Was er sehr wohl voraussah, war die Misere, in welcher der grösste Teil dieser Menschenmassen leben würde.

     Nicht einmal genug zu essen haben viele, obwohl genug Nahrung – noch -  zur Verfügung stünde. Krankheiten wie Malaria, Aids und, wieder, Tuberkulose werden in weiten Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas als gottgegeben empfunden. Sie tragen nicht, wie nicht wenige klammheimlich hofften, zu einer Verringerung des Geburtenüberschusses bei, sondern zur Verelendung der zu Gebärenden und ihrer Umgebung. Hinsichtlich Erziehungsfortschritten ist lediglich zu vermerken, dass der statistische Rückgang des Analphabetentums in Entwicklungsländern so windig ist wie in den Kernländern die Zunahme der Abiturienten (deren Niveau heute kaum das übertrifft, das vor 50 Jahren bei Grundschulabgängern anzutreffen war). In den Elendsvierteln um die Multimillionenstädte – sie sind nicht mehr nur in Entwicklungsländern anzutreffen – grassieren Armut, Krankheit, Drogensucht, Kriminalität und Bandenwesen.

      Selbst das immer knappere Drittel der Menschheit, dem die Überbequemlichkeiten der Industriegesellschaft zur Verfügung stehen, kann seines Wohlstands nicht sicher sein. Arbeitsentgelte und Lebensqualität fallen überall; steigend sind nur die Lebenshaltungskosten, der Leistungsdruck und das Risiko, Arbeitsplatz und Ersparnisse zu verlieren. Zudem gilt für die – noch - reichen Kernländer: „Wenn die Vorratskammer meines Nachbarn leer ist, kommen seine Mäuse in meine Kammer“. Sicher fühlen kann sich nur noch eine Handvoll Multimillionäre in ihren festungsartigen Villen mit gesicherten Ausweichmöglichkeiten nach Kanada oder Neuseeland.

      Alle Hoffnungen, die Bevölkerungsexplosion allein durch die derzeitigen halbherzigen, „Entwicklungshilfe“ genannten, Bemühungen zu stoppen, sind wirklichkeitsfremd. Man braucht kein Soziologe, Völkerkundler, Volkswirt, Statistiker oder Aussenminister zu sein um zu erkennen, dass 4 Milliarden ungebildete und  unterversorgte Menschen – eine Zahl, die sich voraussichtlich bis zur Jahrhundertmitte nahezu verdoppeln wird – mit den derzeitig angewandten oder diskutierten Methoden nicht so weit „entwickelt“ werden können, dass sich ihre Geburtenrate denjenigen Europas oder Japans angleichen. Selbst wenn dies gelänge, selbst wenn der Lebensstandard und damit „Naturverbrauch“ all dieser zusätzlichen Menschen nicht höher als heute in Schwellenländern liegen und die derzeitigen Pro-Kopf- Energiesparziele erreicht werden sollten, wären Rohstoffverbrauch, Schadstoffausstoss, Artenvernichtung und Gesellschaftsschädigung noch ungleich verderblicher als die schon als sehr bedrohlich empfundenen heutigen Werte.      

      Als vor 200 Jahren in Europa die vernünftigsten Wertvorstellungen entwickelt wurden, die die Menschheit je hervorgebracht hat - Freiheit und Menschenwürde - kam ausser Malthus keinem in den Sinn, dass diese Begriffe, in letzter Konsequenz angewendet, sich gegenseitig ausschlossen. Ein Zehntel der heutigen Bevölkerung trug die Erde damals, war grossenteils unbewohnt und unerforscht. Die Freiheit des Kinderkriegens bis zur Erschöpfung der Gebärmutter galt als so selbstverständlich gottgegeben, dass es sich erübrigte, sie in den Katalog der Menschenrechte aufzunehmen. Schliesslich hatten Krankheiten, Hungersnöte, Naturkatastrophen und Kriege (die nicht selten implizit diesem Zweck dienten) dafür gesorgt, dass die Erdbevölkerung bis ins 17. Jahrhundert stabil blieb. Dass sie sich dank spektakulärer Fortschritte der Medizin, dank Vervielfachung der Nahrungsmittelproduktion, dank Ächtung des Krieges sich verzehnfachen würde, lag ausserhalb jeder Vorstellungskraft.

      Es ist jetzt aber eingetreten und man muss blind sein um nicht zu erkennen, dass die Freiheit zur ungehemmten Vermehrung im grössten Teil der Menschheit die grösste Bedrohung für deren Würde darstellt.  

     Es ist höchste Zeit, Malthus wieder zu lesen und unverzüglich Wege zur globalen Geburtenregelung zu beschreiten mit mindestens der gleichen Verve, mit der man jetzt – endlich – den Klimaschutz angehen zu wollen scheint. Kinderreichtum ist in unserer Zeit eine grössere Sünde als Empfängnisverhütung oder Abtreibung. Je eher es gelingt, dies im Bewusstsein der Menschen zu verankern, desto geringer ist die Gefahr, dass neue Kriege um Ressourcen, neue Hungersnöte oder Zwangsmassnahmen autoritärer Regierungen wie Sterilisierung und Kastration sowohl die Freiheit als auch die Menschenwürde endgültig ad absurdum führen.  

      Sie halten die Ein-Kind-Strategie Chinas für unvereinbar mit westlichen Freiheitsvorstellungen? Die Chinesen sind ein uraltes, weises Volk.

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Friedbert W.  „Pablo“ Böhm
Der Autor lebt als Viehzüchter in Argentinien.

Seine Erfahrungen hat er beschrieben in „Wie ich zu den Kühen kam“,
FAKTuell-Verlag, ISBN 3-9809203-0-5.

 

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