FriedbertWpabloBoehm      Es gab schon einmal eine grosse europäische Krise. Napoleon hatte beinahe den ganzen Kontinent besetzt und ihm seine Spielregeln aufgenötigt. Das hatte er nicht nur seinem Feldherrntalent zu verdanken. Er hatte auch - in der Folge der Französischen Revolution - sein Land rechtlich und administrativ modernisiert und ihm so neue Stärke verliehen. Und dann ging er daran, diese Neuerungen in den besetzten Gebieten ebenfalls einzuführen.
      Solche Neuerungen wurden im Süden Europas nicht in gleicher Weise empfangen wie in seinem Norden. Wir wollen uns dies einmal am Beispiel Spaniens und Preussens ansehen.
      Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts war der preussische Staat recht abgeschlafft. Sein Heer sonnte sich mehr im Andenken alter friederizianischer Triumphe als sich zu ertüchtigen und die Administration beschränkte sich im Wesentlichen auf die Wahrung überkommener Gewohnheiten und Privilegien. Napoleons Energie hatte Preussen ganz wenig entgegenzusetzen; es wurde erobert und tributpflichtig.

Aber es war lernfähig. Rasch hatte es begriffen, dass seine Unterlegenheit die Folge selbstverschuldeter Nachlässigkeit war. Diese Franzosen besassen nicht nur grosses kriegerisches Geschick; der Mut ihrer Soldaten war sehr wesentlich dem Untergang des Ancien Régimes zu verdanken und einer staatlichen Neuordnung, welche der gesamten französischen Gesellschaft Hoffnung und Kraft verliehen hatte. Solches verdiente Nachahmung.
      Freiherr v. Stein machte sich daran, den preussischen Staat zu entstauben. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, eine Gewerbefreiheit eingeführt, Städtefreiheit verkündet - unter Anderem. Auf Intervention von Napoleon (der ein feines Gespür für künftige Risiken besass) wurde v. Stein abgesetzt. Aber Hardenberg setzte die Reformen fort, die - wie konnte es in Preussen anders sein -  auch ein erheblich schlagfertigeres Heer hervorbrachten. Das Land hatte seine Hausaufgaben gemacht.
      Der Rest ist bekannt. Ein wiedererstarktes Preussen hatte wesentlichen Anteil am Untergang des napoleonischen Reiches. Aus eigener Kraft befreite es sich aus der Fremdherrschaft.
      Die Unterwerfung Spaniens hatte Napoleon weit grössere Anstrengungen als diejenige Preussens gekostet. Eine ehemalige Weltmacht lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Als sie es sich dann aber doch gefallen lassen musste, von Kaisers Bruder regiert zu werden, war ihre Reaktion sehr verschieden von der preussischen.
      Vom Unterwerfer lernen? Das würde ja das Eingeständnis eigener Schwäche bedeuten! Nein, die Spanier vertrauten auf den sprichwörtlichen Mut, die Kraft und den Ideenreichtum ihrer Krieger. Sie erfanden den "kleinen Krieg", die Guerrilla. Aber auch ständige Nadelstiche können ein gut organisiertes Besatzungsheer nicht vertreiben. Sie reichten nicht einmal aus, die Kolonien von einer Wiedererstarkung des Mutterlandes zu überzeugen. In Südamerika nutzte man die Schwäche Spaniens, um die Selbständigkeit einzuleiten. Das lernunfähige Mutterland selbst erhielt seine Freiheit vom Wiener Kongress zurück, ohne eigene Anstrengung.
      Spanien und Preussen sind hier ja nur Beispiele für südlich(er)e und nördlich(er)e Reaktionen auf europäische Krisen. Auch sind diese Beispiele 200 Jahre alt, insofern nicht unbedingt auf die heutige Schuldenkrise übertragbar. Eigentlich sollte man annehmen, dass im XXI. Jahrhundert auch im Süden die Bereitschaft, Hausaufgaben zu machen, grösser sei als im XIX.

 

 

 

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