RayEditorialEs ist schon amüsant, mit welchen Fragen man manchmal konfrontiert wird. Insbesondere, unter welchen Umständen solche Fragen gestellt werden. In diesem Fall war es nach einem herzlichen Abschied, mit Umarmungen, von ein paar türkischstämmigen Freunden, die ich lange Zeit nicht gesehen hatte.

Der Fragesteller war optisch keiner der „üblichen Verdächtigen“. Ein Mann mittleren Alters, mit etwas längeren Haaren. „Weshalb“, fragte ich zurück. „Ich habe sowas noch nie erlebt“, entgegnete er. „Ein Deutscher, der sich mit Türken so verbrüdert, wie Sie.“

„Hat Sie das gestört“, fragte ich? „Erstaunt. Das sind doch Türken!“ „Und?“ „Naja, das sind doch ganz andere Menschen“, meinte er. „Sie und ich doch auch, oder?“ „Aber das ist doch ganz was anderes“, entgegnete er deutlich entrüstet. „Wir sind doch Deutsche!“, fügte er nach kurzem Zögern hinzu.

Das war übrigens 1975. Ich habe mich aus aktuellem Anlass heute daran erinnert. Deshalb erspare ich Ihnen die Fortsetzung des Gesprächs, damit ich Sie nicht mit einer Wiederholung langweilen muss.  

Heute erhielt ich einen Anruf von einer Medienagentur. Es ging um einen Auftrag. Soweit so gut. Gewisse wirtschaftliche Zwänge bestehen ja immer. Also hörte ich aufmerksam zu. Man würde uns gerne als Autoren für eine größere Kampagne von „Nationaler Bedeutung“ buchen. Bevor ich hinterfragen konnte, was er darunter versteht, fragte er mich:

„Sie sind doch D(d)eutscher?“

„Deutscher als Wer?“

„Wie bitte? Deutsch! Deutscher halt!
Ist Deutschland Ihr Vaterland?“

„Mein Vater hatte keinen Grundbesitz. Nirgendwo.
Also ist Vater-Land für mich nicht relevant.“

„Haha, Sie sind doch kein Ausländer, meine ich.“

„Kommt darauf an, wer fragt. Geboren bin ich in Frankfurt. Konkret – nicht Oder. Und da habe ich immer gehört, schon die Offenbacher sind Ausländer. Gehen Sie mal zu einem Spiel der Eintracht. Da glauben die meisten Fans das heute noch.“

„Bleiben Sie bitte mal ernst.“

„Oh, ich bin ernst. Sie rufen mich doch nicht wegen meiner Staatsangehörigkeit an, sondern wegen meiner mutmaßlichen Qualifikation als Autor. Oder?“

„Stimmt. Die steht ja auch nicht zur Diskussion. Sonst hätten wir Sie ja auch nicht ausgewählt. Wir wollen nur gerne etwas über Sie als Person wissen.“

„Gut, dann notieren Sie sich: Ich bin Christopher Ray. Wenn Sie wissen wollen, was es bedeutet man selbst zu sein, empfehle ich Ihnen mein Buch Ego ist = Immer erst Ich!“.

„Das habe ich…“

„Dann sollten Sie es lesen…“

„Das habe ich…"

„…bis Sie es verstehen, Aber ich erkläre Ihnen gerne, was das bedeutet. Komme ich nach Bautzen, dann bin ich Görlitzer, bis man mich kennt, dann bin ich Christopher Ray. In jedem anderen Bundesland bin ich Lausitzer, bis man mich kennt, dann bin ich Christopher Ray. Im europäischen Ausland bin ich Deutscher, bis man mich kennt, dann bin ich Christopher Ray. Auf einem anderen Kontinet bin ich Europäer, bis man mich kennt, dann bin ich Christopher Ray. Wenn irgendwann einmal die Grünen Männchen (tschuldigung Joschka, ich meine die vom Mars) hier landen, dann bin ich Erdling, bis sie mich kennen…“

„Verstanden. Sie hören von uns, Herr Ray.“

"Lassen wir uns überraschen."

Sie dürfen jetzt weitermachen.
Ihr

Christopher Ray

 

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