Es gibt einen Planeten im Sonnensystem, der eine unglaubliche Vielfalt von Lebensformen beherbergt. Viele davon sind weltgeschichtlich jüngeren Datums. Andere Arten haben in  –zig Millionen Jahren Daseinsformen entwickelt, die sie praktisch unangreifbar machen.
AmeisenPablo
Dazu gehören die Ameisen. Es gibt hunderte von Varianten davon. In einigen Charakteristiken aber gleichen sie sich: Ihre Gesellschaften sind absolut autoritär; alle Mitglieder ordnen ihre eigenen Interessen denen der Königin unter. Es sind Klassengesellschaften. Alle Ameisen werden zu Arbeiterinnen, Pflegerinnen, Kundschafterinnen oder Soldatinnen geboren oder bestimmt (die Ameiseriche spielen eine vergessenswerte Rolle) und bleiben dies, bis das System anders entscheidet. Das System arbeitet mit chemischen Codes, welche die jeweilige Tätigkeit jeder Ameise bestimmen. Und die letzte – und vielleicht ausschlaggebende – Charakteristik der Ameisen ist, dass sie eine extreme Quantitätsstrategie verfolgen. Sie haben so viele Nachkommen, dass der Verlust einiger Zehntausend davon den Erfolg ihrer Gesellschaften kaum beeinträchtigt.

      Auf jenem Planeten gibt es eine andere, jüngere, jedoch ähnlich erfolgreiche Art, die Menschen. Der Mensch allerdings verdankt seinen Erfolg einer Strategie, die derjenigen der Ameise diametral entgegengesetzt ist. Er setzte von jeher auf Qualität. Er entwickelte ein Großhirn, das jedem Individuum erlaubte, sich in gewissen Grenzen auf die unvorherzusehenden Umweltsituationen einzustellen. In seinen Gesellschaften konnte zwar nicht Jeder tun, was ihm gerade in den Sinn kam, aber es gab ausreichende Spielräume für individuelle Lebensgestaltung. Der hierfür erforderliche Raum war meistens gegeben, denn Menschen haben wenige Nachfahren, um welche sie sich intensiv zu kümmern haben. Wenn irgendwann oder irgendwo die Größe einer Gesellschaft den Raum – die natürlichen Ressourcen ihres Territoriums – zu sprengen drohte, verringerte diese die Zahl ihrer Mitglieder. Durch Kriege, Auswanderung, Kindstötung oder Zölibat. So eroberte der Mensch den Planeten, machte sich die meisten anderen Lebewesen untertan oder rottete sie aus. Mit Ausnahme natürlich der Ameisen.

      Der Mensch hatte keine natürlichen Feinde mehr. Also hatte er sich irgendwann trotz seiner geringen Fruchtbarkeit derartig vermehrt, dass neue geeignete Lebensräume nicht mehr zur Verfügung standen. In der winzigen Zeitspanne eines Jahrhunderts hatte sich seine Zahl mehr als verdreifacht. An manchen Orten rotteten die Menschen sich enger zusammen als die Ameisen in ihren Burgen (etwa 4-5 pro Quadratmeter auf manchen Demos, auf manchen Sport- oder Musikveranstaltungen; wenn sie sich wie die Ameisen horizontal bewegt hätten, wäre nur Platz gewesen für 1 1/2). Und Ameisenburgen immer ähnlicher wurden auch ihre Wohn- und Arbeitsstätten.

      Da war es nicht mehr möglich, jedem Einzelnen Ermessensspielräume aufrecht zu erhalten, wie die Qualitätsstrategie des Menschen das erfordert hätte. Man kannte sich ja kaum noch. Wie sollte man wissen, wem welche Aufgaben, welche Kompetenzen anvertraut werden konnten? Bei der großen Zahl und Vielfalt der zur Befriedigung der Massen herzustellenden Produkte und Dienstleistungen waren außerdem immer mehr Individuen in einen Arbeitsprozess einzuschalten. Und die Individuen wechselten ständig, da die Mobilität der Menschen durch technische Fortbewegungsmittel ungeheure Ausmaße angenommen hatte.

      Systeme mussten also ersonnen werden. Als erste große Erfindung galt das Fließband. Nun war es kein Handwerker mehr, der ein Produkt herstellte, sondern Dutzende von austauschbaren Arbeitern, die jeweils nur einen winzigen, immer gleichen Teil des Prozesses bewerkstelligten. Dann wurden die Meisten von ihnen durch Roboter ersetzt, welche dieselbe Arbeit schneller erledigten, ohne Lohnforderungen. Auch Lagerarbeiter und Stauer wurden kaum mehr benötigt, da ein System von Containern, Gabelstaplern und automatischen Hochregallagern sie erübrigte.

       Viele der ehemaligen Arbeiter wurden zu Angestellten. Sie verkauften Waren und Versicherungen, schrieben Briefe, beantworteten Telefonanrufe, rechneten Spar- und Stückzinsen, bedienten Additions- und Buchungsmaschinen. So viel Hand- und Kopfarbeit war teuer. Das System zögerte nicht, sie zu ersetzen. Erst elektrische, dann elektronische Automaten erleichterten, beschleunigten und verbilligten damit die Büroarbeit. Dann übernahmen Computer alle stereotypen Schritte: Zinsrechnung, Abrechnung von Geschäftsvorfällen, Buchhaltung, periodische Mitteilungen an Kunden und Geschäftsfreunde.

      Das stieß zunächst auf die Schwierigkeit, dass auf Seiten des Publikums dem komplizierten, hoch differenzierten und effizienten Output der Unternehmen und Behörden Leute gegenüberstanden, die an persönliche Beratung gewöhnt waren und handschriftliche Briefe schickten. Der PC schaffte hier Abhilfe sowie das Internet. Zuerst gewöhnten sich die durch interessante Spiele geköderten Kinder ans neue System. Dann auch die Älteren, die ihren Enkeln nicht nachstehen wollten.

      Der nun auch vom breiten Publikum geschätzte technische Fortschritt vervielfachte alle paar Jahre Menge und Schnelligkeit der zu übertragenden Daten. Eine Hardware, die früher einen gekühlten Saal beansprucht hatte, passte jetzt in eine Westentasche. Von beinahe jedem Ort des Globus aus konnte man sich mit beinahe Jedem verbinden, diesen vielleicht sogar auf einem kleinen Bildschirm sehen. Die elektronische Vernetzung des Planeten war nahezu vollständig geworden. Die Menschen gewöhnten sich daran, per Tastendruck zu arbeiten, einzukaufen, zu zahlen, ihre Hausarbeit zu machen,  sich zu vergnügen und mit ihren Verwandten und Freunden zu unterhalten. In Unternehmen und Behörden waren Ansprechpartner für Kunden längst durch künstliche Stimmen ersetzt, welche für alle stereotypen Fragen stereotype Antworten bereit hatten. Für andere Fragen allerdings keine.

MarionettenPablo
Die Gesellschaftssysteme der Menschen, von denen einige sich tausend Jahre lang in Richtung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit entwickelt hatten, waren unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage, ihre ursprünglich arteigene Qualitätsstrategie fortzusetzen. Masse erfordert Stereotypie; die Technik machte sie möglich. Stereotypie verträgt sich nicht mit Eigeninitiative und –verantwortung.

      Ein System kommt mit ganz wenigen Führern aus. Unternehmer, Wissenschaftler, Ingenieure, Manager. Und, vor allem, Politiker, welche den Anderen Ziele vorgeben und Grenzen setzen können. Je weniger Eigeninitiative der Individuen das System voraussetzt, desto weniger wird sein Objekt – die Massen – angehalten, eigenes Denken zu entwickeln. Und desto weniger wird das Objekt in der Lage sein, die Subjekte – seine Führer – zu kontrollieren. Diese andererseits tendieren dazu, sich in eine besondere, abgehobene Klasse zu verwandeln. Es entstehen bereichsübergreifende hierarchische Netzwerke. Man tritt sich gegenseitig nicht auf die Füße, drückt bei Verfehlungen eines Kollegen mal ein Auge zu und erwartet von Jenem Gleiches.

      So begannen die menschlichen Gesellschaften, sich allmählich in eine Zeit zurück zu begeben, die sie das "Dunkle Mittelalter" nannten. Damals hatte alle Macht bei den Heerführern oder Priestern gelegen; die große Mehrheit der Menschen hatte aus Leibeigenen oder Sklaven bestanden. Da aber die Vehikel der Machtausübung – Berittene, Ruder- oder Segelschiffe – noch recht dürftig waren, konnte der Einzelne meist irgendeine lebenswerte Nische finden. Nun aber war die Macht omnipräsent. Per Tastendruck konnte beinahe Jeder sich in Minutenschnelle über Vorkommnisse am Ende des Planeten unterrichten. Und per Tastendruck konnten die Führer ihre Befehle und Gesetze universell verbreiten. Nicht nur das! Da die Mitteilungen der Individuen über Telefon oder   Internet, genauso wie ihre allerorts registrierten Bewegungen in der Öffentlichkeit, sogar ihre Häuser und Gärten, in ungeheuren Datenarchiven gespeichert wurden, konnten die Führer eine nahezu vollständige Kontrolle über die Gesellschaften ausüben, beinahe wie eine Ameisenkönigin über ihr Volk.

      Bei alledem war es den Menschen völlig entgangen, dass eine kapitale Vorbedingung für ihre Qualitätsstrategie nicht mehr existierte. Das war ihre kleine Anzahl gewesen. Diese naturgeschichtlich bedingte Voraussetzung – anfänglich ein Nachteil im Lebenskampf – hatte dafür gesorgt, dass die ganze Menschheitsgeschichte hindurch Kinderreichtum als eine Tugend und ein Segen galt. Wer keine Kinder hatte, war ein Versager. Kinderreichtum wurde von allen Obrigkeiten provoziert und gelobt. Zuletzt wurde sie mit Geld auf eine Weise prämiiert, die Einigen erlaubte, von den Subsidien zu leben, die sie für ihre Kinder erhielten. Nun aber war der Planet so bevölkert, dass, wie schon geschildert, für die Kinder kaum noch Platz zum Spielen zur Verfügung stand, geschweige denn die Aussicht auf ein einigermaßen selbstbestimmtes, würdiges Leben. Um sich ein solches Leben zu ermöglichen, waren schon hunderttausende Arme unterwegs, die unter Lebensgefahr und Opfer all ihrer Ersparnisse in eine der wohlhabenderen Regionen des Planeten zu kommen versuchten. 

      Ein weiteres Anzeichen für die Abwendung der Menschen von ihren ursprünglichen  Qualitätspostulaten war eine teils durch die Umstände bestimmte, teils sowohl von den Führern als auch von den immer bequemeren Untertanen gern akzeptierte Tendenz zur Kollektivisierung. Mit dem angeblichen Ziel, den Eltern mehr Freiheitsräume zu schaffen, wurde die Erziehung der Kinder immer weiter verstaatlicht. Von der Krippe bis zur Universität verbrachten sie den größten Teil ihrer Zeit in staatlichen Institutionen. Auch um die Gesundheit der Menschen kümmerte sich zunehmend die Gesellschaft. Statt persönlicher Betreuung durch den Hausarzt geriet der Kranke in ein verwirrendes Netz von Kassen, Spezialisten, Laboratorien und Kliniken. Das ging bis zu Aufbewahrungsstätten für die für ihre Nachkommen nicht mehr besonders interessanten Alten, wo diese nicht selten zuerst vernachlässigt, dann mit abstrusen Apparaten am Sterben gehindert wurden. Qualitätsstrategie?

      Unser Wissen über Ameisen, Menschen, die sonstigen Umstände jenes Planeten sowie seine Geschichte konnten wir bis vor einiger Zeit aus dem Funkwirrwarr filtern, der uns mehrere Jahrzehnte hindurch erreichte. Anfänglich bestanden die Signale aus präzisen Mitteilungen von Regierungen, militärischen und anderen Institutionen sowie periodischen Nachrichten, auch Musik, aus den Rundfunk- dann auch Fernsehsendern. Obwohl dort sehr zahlreiche Sprachen herrschten, waren die Signale übersichtlich und geordnet genug, um unseren Spezialisten ein Verständnis zu ermöglichen. Ihren Aussagen zufolge bereitete es zuweilen sogar Genuss, sich Reden oder Literaturvorträge anzuhören oder Musik zu hören.

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Mit der Zeit aber wurde der Wirrwarr immer dichter, schwerer verständlich und weniger interessant. Zwar verschwanden nach und nach die meisten Sprachen und alle Dialekte. Was blieb, war eine unendliche Masse seltsam verstümmelter Wortteile, vermischt mit Satzzeichen, deren Bedeutung unklar blieb. In den noch erkennbaren Sprachteilen glauben unsere Spezialisten neben einem Überwiegen von Klischees und recht oberflächlichen Aussagen große Unkenntnis von Grammatik und Orthographie festgestellt zu haben. Soweit es sich um offizielle Texte handelte, strotzten diese vor wenig glaubhaftem Selbstlob, vagen Versprechungen und bürokratischen, überaus autoritären Anweisungen. Auch schienen diese Texte von nur ganz wenigen Stellen – möglicherweise einer einzigen – auszugehen. Ganz gelegentlich noch konnten besorgte  Texte intellektueller Mahner herausgefiltert werden, die jedoch anscheinend nach wenigen Stunden unterdrückt wurden.

      Nun herrscht aus für uns nicht einsehbaren Gründen  Funkstille. Es wird abzuwarten bleiben, ob die Menschen noch einmal zu ihrer Qualitätsstrategie zurückfinden und wir etwas über den Weitergang der dortigen Entwicklung in Erfahrung bringen können.

      Anderweitig wird der Planet für die interstellare Forschung verloren sein. Von den Ameisen jedenfalls sind nach all unseren Erkenntnissen Nachrichten nicht zu erwarten.

 

Ihr

Friedbert W. "Pablo" Böhm
Dez. 2012 / Jan. 2013

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