SchulraumLeer 
Lesen, Schreiben, Rechnen steht auf eurem Stundenplan, Deutsch, Geschichte, Erdkunde, auch Physik und Chemie, Sprachen, Sport und allerlei Anderes. Eines werdet ihr dort aber nicht finden: Lernen.

      „Aber das tun wir doch jeden Tag bis zum Umfallen!“.

      Seid ihr sicher?

      Gewiss müht ihr euch ab, das in der Schule Gehörte nicht zu vergessen und die Aufgaben zu erledigen. Damit ist es aber leider nicht getan. Lernen ist nicht nur das Speichern von Vokabeln, Namen, Daten, Ziffern, Formeln. Die können schnell vergessen sein. Um es wirklich zu verstehen und zu behalten, muss das Gehörte geprüft, ausgewertet und eingeordnet werden.

       Und das gilt ja nicht nur für die Schule. Kein Lehrer und kein Lehrplan kann so vollständig, so perfekt sein, dass es nicht immer wieder Neues gäbe, was in euer Wissen einzuordnen ist. Und auch das Alte, scheinbar Unumstössliche, stellt sich nicht selten als verbesserungsbedürftig heraus. Andererseits habt ihr es täglich mit Dingen zu tun, die immer der letzte Schrei sind und beanspruchen, alles Vorherige zu ersetzen, auch das noch so Bewährte. Um dies alles zu beurteilen, braucht man gewisse geistige Veraussetzungen. Man braucht eine innere Küche, in welcher die ständig eintreffenden Zutaten zu einer bekömmlichen Mahlzeit zugerichtet werden können – sozusagen ein recht verlässliches Betriebssystem.

      Solch ein Betriebssystem muss sich jeder selbst erarbeiten. Einige Anregungen dazu mögen euch dabei helfen.  Endgültige Wahrheiten könnt ihr davon nicht erwarten. Aber wenn es diesem Aufsatz gelingt, eure Aufmerksamkeit zu erreichen und ihr die Kraft habt, die Anregungen zu durchdenken, werdet ihr vielleicht einiges dummes Unwissen vermeiden können.

      Ich sage nicht „die Intelligenz“, ich sage „die Kraft“ zum Durchdenken. Dummheit ist nämlich häufig nicht die Abwesenheit von Intelligenz sondern die Folge von Faulheit.

Was wir wissen können

      Um uns herum ist das Unendliche (soweit wir wissen). Die vollständige Wirklichkeit, die Realität von etwas Unendlichem, ist nicht erfassbar. Unsere Versuche des Wissens können immer nur Teile des Ganzen betreffen.

      So können wir zum Beispiel ziemlich gut wissen, was in diesem Klassenzimmer ist.

„Wir“ bedeutet die Gesamtheit der Klasse, alle von uns. Wir wissen die Anzahl der Schüler und der Schulbänke, die Namen von Schülern und Lehrer, kennen die Bilder an den Wänden, die Schränke etc.. Einige von uns können mehr wissen.

      Es gibt hier nämlich eine Menge Dinge, von denen „wir“ keine Ahnung haben. Zum Beispiel von dem, was auf der vorletzten Bank mal wieder geflüstert wird. Oder vom Inhalt einzelner Schultaschen. Diese Dinge kennen nur die unmittelbar Beteiligten.

     Aber auch nicht vollständig. Die gesamte Wirklichkeit etwa einer Schultasche ist sogar für den Besitzer unerfahrbar, selbst wenn er sie ganz gründlich untersucht. Denn es gibt da allerlei für ihn unsichtbaren Staub, auch Krümel, winzige Papier- und Plastikteilchen, Bakterien, gewiss sogar allerlei verstecke Silberfischchen.

      Über das Klassenzimmer nebenan wissen wir schon wesentlich weniger. Was gerade auf der Strasse passiert, oder im Rest unserer Stadt, ist uns unbekannt. Ganz zu schweigen von den Vorkommnissen und Gegebenheiten im Rest unseres Landes, Erdteils, des Universums; wir können es nur erahnen. Oder wir können es durch Andere erfahren. Na ja, zu erfahren versuchen.

Wie wir wissen können

      „Dort ist ein köstlicher Apfel“, sagen unsere Augen. Haben sie recht? Das wissen wir noch nicht, denn es gibt ja recht perfekte künstliche Äpfel aus Wachs oder aus Plastik. Wenn das Ding sich auch nach Apfel anfühlt, kommen wir der Wirklichkeit schon näher. „Er riecht auch so“, sagt unser Geruchsinn, das ermutigt uns. Wenn wir nun hineinbeissen und es nicht knackt, sagt uns das Gehör, dass der Apfel so besonders köstlich nicht sein kann. Erst der Geschmack bringt uns der Wirklichkeit dann ziemlich nahe.

      Wie wir oben gelesen haben, ist das aber – wie immer – auch nicht die ganze Realität, denn der Apfel kann, ohne dass wir es bemerken, auf der Schale ja Schmutz, Bakterien, Chemikalien und innen sogar einen Wurm enthalten, was seine Köstlichkeit einschränken könnte. Also aufpassen!

      Es sind die Sinne, die uns Dinge erkennen lassen. Mit einem Sinn allein wären wir nicht weit gekommen, deshalb hat uns die weise Natur mit (mindestens) fünfen ausgestattet. So können wir Eindrücke verschiedener Art - über Form und Farbe, Oberflächenstruktur, Geruch, Geräusch und Geschmack - mit einander vergleichen und Fehler vermeiden. 

      Das tun wir ohne nachzudenken. Wir haben es schon als Baby gelernt und sind uns gar nicht mehr bewusst, dass unsere Sinne vergleichen. Bei diesem Vergleich üben sie gegenseitig Kritik. Auf das Thema Kritik werden wir noch zurückkommen.

      Auch Tiere haben Sinne. Und zwar die, die sie zum Überleben brauchen. Manche „niedrigen“ Tiere können nicht hören noch riechen und auch keine Farben erkennen. Sie unterscheiden nur zwischen Hell und Dunkel. Das reicht für sie zum Überleben. Andere wiederum besitzen viel schärfere Augen als wir, die Katzen etwa und viele Raubvögel. Oder sie hören Dinge, die wir nicht hören können. Die Elefanten ganz tiefe Laute und die Hunde ganz hohe. Hunde und Wölfe haben auch einen sehr viel feineren Geruchssinn als wir. Sie brauchen ihn, um ihr Herrchen zu finden oder ihre Beute.

      Dann gibt es Tiere mit Sinnen, die wir uns kaum vorstellen können. Fledermäuse zum Beispiel haben ein Radar, mit dem sie auch nachts die Insekten, die sie so gern fressen, im Flug erkennen können. Andere Tiere können chemische Signale entschlüsseln oder ultraviolettes Licht sehen oder mit der Zunge riechen wie die Schlangen.

      Unsere fünf Sinne waren für uns gerade richtig, als unsere fernen Vorfahren, die Höhlenbewohner, in kleinen Gruppen vom Sammeln und Jagen lebten. Als die Zahl der Menschen dann aber wuchs und die Gruppen immer grösser wurden, in Ortschaften lebten, komplizierte Güter herstellten, Reisen unternahmen, zuletzt bis zum Mond, da erwiesen sich die natürlichen Sinne als unzureichend.

      Um weiter zu sehen, erfanden wir das Fernglas und das Teleskop und um grösser zu sehen das Mikroskop. Mit Radar und künstlichem Echolot können wir, den Fledermäusen gleich, Dinge erfahren, die unseren Augen verschlossen sind. Röntgen erfand einen Apparat, mit dem man bisher unsichtbare Stellen des Körperinneren sichtbar machen kann. Das sind nur einige von sehr zahlreichen Werkzeugen, welche unsere Sinne verschärfen und erweitern. Trotzdem gibt es im Universum noch unzählige Dinge, die uns verschlossen sind, die wir nicht wissen können.

Zwei ganz besondere Sinne und ihr Meister

      Wie schon gesagt, sind unsere Augen und unser Gehör ziemlich schwach im Vergleich mit denen mancher Tiere. Wo ein Adler einen kilometerweit entfernten Motorradfahrer leicht identifizieren könnte, sehen wir nur eine Staubwolke. Die grossen Ohren eines Hasen hören den entfernten Donner und bereiten ihn auf ein Gewitter vor. Wir hören gar nichts, sehen aber ein helles Zucken am Horizont.

      Trotzdem wissen wir, dass hier ein Gewitter kommt und dort ein Motorrad. Es ist unser Gehirn, das unsere Sinneseindrücke untersucht. „Eine Staubwolke kann nicht von einem kleinen Hasen herrühren, der über den Feldweg huscht oder von einem langsamen Fussgänger oder Radfahrer“ sagt uns das Gehirn. „Ein Lastwagen oder Auto wäre gross genug, um es auf diese Entfernung zu sehen,“ fährt es dann fort, um zu schliessen: „also kann es nur ein Motorrad sein.“ „Und wo es blitzt und  wohl auch donnert (obwohl wir letzteres nicht hören), kommt gewiss ein Gewitter herauf“.

      Alles was wir sehen und hören oder durch die anderen Sinne auf uns eindringt, wird von deren Meister, dem Gehirn, geprüft und eingeordnet. Die Augen empfangen nur Impulse des Lichts und die Ohren solche des Schalls – verschiedener Wellenlängen. Erst das Gehirn übersetzt diese Impulse in Dinge, die für uns etwas bedeuten können, in Farben, Gestalten, Bewegungen, Stimmen, Musik. Dies geschieht, indem es die Impulse mit Eindrücken vergleicht, die es aus früheren Erfahrungen gespeichert hat. Eine der frühesten dieser Erfahrungen ist wohl die Mutterbrust. „Wo Mutters Stimme zu hören ist,“ folgert schon das Säuglingshirn aus den empfangenen Schallwellen, “und  ich (mit dem Tastsinn) an der Backe etwas Weiches, Warmes fühle, da ist die Milchquelle nicht weit.“

      Wie immer, wenn es um das Erfassen der Wirklichkeit geht, ist auch das Gehirn nicht unfehlbar. Dem Wüstenwanderer täuscht es in der flimmernden Hitze eine Oase vor – die Fata Morgana, eine sogenannte Optische Täuschung. Aber auch in unseren Breiten sind wir vor Täuschungen nicht gefeit. Wenn uns auf der nächtlichen Strasse ein Lichterpaar entgegenkommt, tippt das Gehirn sofort auf ein Auto. Es könnten aber auch zwei Motorräder sein oder sogar zwei nebeneinander fahrende Autos, bei denen jeweils die äusseren Scheinwerfer nicht funktionieren. Es ist ungemütlich, nachts allein im Wald zu wandern, weil das Gehirn zahlreiche undeutliche Pflanzenformationen als drohende Gestalten oder Gesichter meldet und eine Menge ungewohnter Geräusche nicht einordnen kann. Die Gestalten erschrecken uns und wenn wir etwas Ungewohntem gegenüberstehen, fühlen wir uns ungemütlich.

      Das ganz Besondere unserer Augen und unseres Gehörs ist aber nicht die direkte Wahrnehmung. Ihr Besonderes ist, dass sie uns einen indirekten Zugang zur Wirklichkeit eröffnen. Sie schlagen eine Brücke zur Wahrnehmung anderer Menschen, sie ermöglichen komplexe Kommunikation.

Die Sprache

      Einfache Kommunikation gibt es auch bei Tieren. Wenn einer von zehntausend Heringen eines Schwarms plötzlich die Richtung wechselt, folgen ihm sofort die anderen. Er hat ihnen angezeigt, dass er entweder eine Futterquelle entdeckt hat (die man ausbeuten muss) oder eine Gefahr (der man zu entfliehen hat). „Höhere“ Tiere teilen sich durch Gesten oder Laute mit, die oft nicht nur von Artgenossen sondern auch von anderen Tieren verstanden werden. Wenn etwa der Eichelhäher seinen „Achtung, Jäger!“-Schrei ausstösst, fliehen oder verstecken sich alle anderen nahen Waldtiere. Wenn ein Hund bellt, kann dies Freude oder Angst oder Wut ausdrücken. Den Unterschied merken andere Hunde – und oft auch wir Menschen – an seinem Gesichtsausdruck und der Schwanzstellung.

      Auch bei uns Menschen ist diese „Körpersprache“ ein bedeutendes Mittel, uns zu verstehen zu geben. Durch Gesichtsausdruck, Handbewegungen und Körperhaltung können wir auch ohne Laute ausdrücken „ich habe Hunger“, „ich habe Durst“, „ich bin müde“, „mich friert“, „warte ein Weilchen!“. Es sind aber eben nur ganz einfache, die Gegenwart betreffende, Mitteilungen, die wir machen können.

      Laute erweitern unsere Mitteilungsmöglichkeiten ganz beträchtlich. Die Lautsprache erlaubt uns, Anderen nicht nur zu sagen, was wir gerade sehen, hören, ertasten, riechen, schmecken und welche sonstigen Gefühle sich gerade in unserem Gehirn tummeln, wir können auch mitteilen, was wir gestern oder vor einem Jahr erfahren, erlebt und gefühlt haben und welche Vorstellungen wir von der Zukunft haben.

      Und zu noch etwas ganz Wichtigem befähigt uns die Lautsprache: Wir können unsere Eindrücke und Erfahrungen mit dem Nachbarn abstimmen. Ihn etwa fragen, ob er die nicht ganz parallelen Lichter auf der nächtlichen Strasse wie wir für ein Auto hält oder vielleicht doch für zwei Motorräder. So verringern wir die Gefahr, uns zu täuschen. Die innere Kritik, der unser Gehirn ständig unsere Sinne unterwirft, wird ergänzt durch die äussere Kritik des Nachbarn – oder mehrerer Nachbarn – deren Sinne möglicherweise zu anderen Ergebnissen geführt hatten als die unsrigen.

      Sprache führt uns mit anderen Menschen zusammen. Indem wir Vorstellungen und Erfahrungen austauschen, können wir gemeinsam planen und handeln. Das haben wir vielen Tieren voraus. Und wir können Traditionen schaffen. Das heisst, Erfahrungen von Generation zu Generation weitergeben, vererben sozusagen. Einfache Traditionen gibt es auch bei Tieren, etwa Affen, aber unsere sind (wahrscheinlich) unvergleichlich tiefer und breiter. 

      Allerdings leidet die Wahrheit beim Weitergeben. Wahrheit ist die korrekte Wiedergabe der Wirklichkeit. Bei jeder Wiedergabe von Gehörtem wird etwas von diesem vergessen und etwas Neues beigefügt. Das kann mit Absicht geschehen, um die Geschichte zu verändern, oder ganz ungewollt. Schliesslich ist unsere Erinnerung nicht perfekt und vielleicht haben wir das Gehörte auch missverstanden. Erinnert euch an das Spiel, in dem wir im Kreis sitzen und ein beliebiger Satz vom Ersten dem Zweiten ins Ohr gesagt und dann weitergeflüstert wird! Wenn er beim Letzten ankommt, ist vom ursprünglichen Inhalt nicht mehr viel übrig.

      Trotzdem war das Gehörte und Weitererzählte, die mündliche Überlieferung, die einzige Traditionsmöglichkeit im weitaus grössten Teil der Menschheitsgeschichte. Alle Heldensagen und religiösen Geschichten sind so entstanden.

Die Schrift

      Wie wir gesehen haben, kann es sehr ärgerlich sein, wenn mündliche Mitteilungen beim Empfänger verfälscht oder verkürzt ankommen. Dies war gewiss der Grund für die Erfindung der Schrift vor ein paar tausend Jahren. Man kann sich vorstellen, dass anfänglich Kaufleute ihren Boten ein Stück Holz oder Keramik mitgaben, in dem die Anzahl der zu überbringenden Waren eingeritzt war, so dass der Kunde sicher war, nicht weniger als das Vereinbarte zu erhalten. Heute noch benutzen wir zuweilen die aus einfachen Strichen bestehenden römischen Ziffern. (Daher kommt der Ausdruck, jemandem „ein X für ein U vormachen“, nämlich ein X so schlecht zu schreiben, dass der Leser es für ein V hält, womit die Zahl zehn (X) auf fünf (V) reduziert wird.)

      Um die Art der zu übergebenden Waren zu nennen, mag man dann auf einfache Zeichnungen gekommen sein, Eier, Nägel, Rinder. Die ägyptischen Hieroglyphen sind eine Fortentwicklung davon. Schon die Griechen kannten unsere Buchstabenschrift und konnten damit nicht nur Art und Menge von Dingen ausdrücken, sondern Geschichten schreiben und ganz komplizierte Gedankengänge niederlegen. Schreiben ist Handwerk (Ortographie und Grammatik) und Kunst. Dichter und Schriftsteller können so ihre Phantasie spielen und das Publikum an ihrem Innenleben teilnehmen lassen.

      Und nicht nur das gegenwärtige Publikum. Das Fabelhafte an der Schrift ist ja, dass sie immer wieder und noch nach Generationen gelesen werden und damit Mitteilungen machen kann, ganz ohne die Mängel, die wir bei der mündlichen Überlieferung kennengelernt haben. Beim Lesen werden in unserem Gehirn Gedanken und Gefühle wiedergeboren, die andere Menschen vor langer Zeit und an entfernten Orten hatten. Die Stellen, an denen Schriften oder andere Aufzeichnungen gesammelt sind – Bibliotheken, Museen, Datenarchive – bezeichnete der grosse Naturforscher Konrad Lorenz als das gemeinsame Gehirn der Menschheit – den menschlichen Geist schlechthin.

      Nun darf man nicht glauben, dass Geschriebenes grundsätzlich glaubwürdiger sei als Gesprochenes. Zwar überlegt sich, wer schreibt, den Inhalt schon etwas besser als wenn er nur spricht. Aber wenn seine Gedanken falsch oder böse sind, ist es auch der Inhalt des Geschriebenen. Dieser kann sogar noch viel schädlicher sein als gesprochenes Falsches oder Böses. Gesprochene Worte sind ortsgebundener, vergänglicher Schall. Geschriebene sind beständig und können ein grosses Publikum erreichen – heutzutage per Internet im ganzen Erdkreis und in Sekundenschnelle.

Die Interpretation

      Schon unseren Sinnen ist nicht immer zu trauen. Wie wir gesehen haben, ergänzen sie sich gegenseitig unter der Kontrolle ihres Meisters, des Gehirns, um uns ein möglichst zutreffendes Bild von der Wirklichkeit zu vermitteln.

      Genauso kritisch muss das Gehirn die Informationen interpretieren, die von Dritten auf uns zukommen. Dies geschieht jedoch nicht mehr automatisch, unbewusst. Wir müssen das Gehirn dazu auffordern.

      Wenn unser Beifahrer uns sagt, dass er in dem, was wir für ein entgegenkommendes Auto halten, zwei Motorräder sieht, tut er das, um eine Gefahr aufzuzeigen und uns zu grösserer Vorsicht anzuspornen, oder nur, um uns zu widersprechen oder sich wichtig zu machen? Vielleicht ist der Beifahrer unser Bruder, dessen Wahrheitsliebe und Gutwilligkeit wir kennen. Vielleicht ist er aber nur ein mitgenommener fremder Anhalter. Ist ihm zu trauen?

      Der Kaufmann verspricht, nur unser Bestes zu wollen, wenn er uns seine Ware verkauft, „die beste der Welt“. Will er wirklich unser Bestes? Oder nur unser Geld?

      Oh, wie hübsch liest sich diese Geschichte von dem reichen Mann, der all sein Vermögen unter den Armen verteilt! Ist sie von einem Journalisten, der eine wahre Begebenheit schildert? War er dabei? Kann er seine Nachricht durch Dokumente, Zeugen, Fotos untermauern? Oder ist es eine Erzählung? In Erzählungen und Romanen kann der Autor alles Mögliche erfinden, um die Phantasie der Leser zu beflügeln. Dies gilt noch mehr für Filme und Fernsehprogramme, die so hastig an uns vorbeilaufen, dass wir kaum Zeit für kritische Gedanken haben.

      Jetzt soll von der Lüge die Rede sein. Die Lüge ist allgegenwärtig, in der Natur (manche harmlosen Schlangen oder Insekten legen sich das Gewand von gefährlichen an, um sich so vor Feinden zu schützen) und, noch viel mehr, in unserer Menschenwelt. Bücher sind über die Lüge geschrieben worden.

      Da gibt es die Notlüge, die wohlmeinende Lüge (die ihren Zweck meist nicht erfüllt), die böswillige Lüge, die Aufschneiderei, die Halbwahrheit und viele mehr. Chronische Lügner haben sich so an die Unwahrheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr imstande sind, sie von der Wahrheit zu unterscheiden. Oft wird ganz unbewusst gelogen. Manche Leute überzeugen sich selbst von ihnen genehmen Unwahrheiten, die sie dann ohne Gewissensbisse als Wahrheiten weitergeben.

      Oder sie hängen einer Ideologie an. Ideologie ist eine Weltsicht, die auf einer angenommenen Grundwahrheit aufbaut. Da wir aber eine unumstössliche Grundwahrheit genau so wenig besitzen wie wir die volle Wirklichkeit ergründen können, sind die aus einer Ideologie kommenden Aussagen meist sehr fraglich.

      Wie können wir nun aus dem Gesehenen, Gehörten und Gelesenen die Unwahrheiten aussortieren, die Spreu vom Weizen trennen?

      Gewiss ahnt ihr es schon. Die Lösung ist: Nicht sehen sondern hinschauen, beobachten. Nicht hören sondern hinhören, horchen. Aber, vor Allem, lesen! TageszeitungEN, Fachzeitschriften, Bücher, Bücher, Bücher. Lesen – innehalten und denken – weiterlesen, immer und immer wieder. Und dann: VERGLEICHEN. Das Beobachtete mit dem Erhorchten und Beides mit dem Gelesenen. Jede Nachricht enthält nur einen Teil der Wahrheit, die zur Wirklichkeit führen könnte. Nur der Vergleich der Teilwahrheiten eines Erzählers mit denen der anderen, eines Autors oder Journalisten mit denen der anderen, eines Fernsehsprechers oder einer Website mit denen der anderen ermöglicht uns eine Annäherung an die Wahrheit.

      Das ist anfänglich ein mühsames Unterfangen. Mit der Zeit jedoch werdet ihr lernen, welchen Quellen ihr mehr Vertrauen schenken könnt und welchen weniger. Dann ergibt sich eine Routine der Kritik und euer Gehirn wird die von aussen eingehenden Nachrichten beinahe mit der gleichen Selbstverständlichkeit kontrollieren, mit der es die Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne koordiniert.

      Ihr werdet gelernt haben, zu lernen. Und es wird euch Spass machen, verdeckte Wahrheiten herauszufinden, Dummheiten zu entlarven, eure Mitmenschen besser kennen zu lernen. Vielleicht sogar, ihnen zu helfen, weniger Dummheiten zu begehen. Ihr selbst werdet euch sicherer fühlen in unserer immer komplizierteren Welt und ihr werdet im Privatleben und im Beruf bessere Entscheidungen treffen als jemand, der alle spontanen Eindrücke und Nachrichten ungefiltert in sein Weltbild übernimmt.

Friedbert W. "Pablo" Böhm

 

 

     

 

   

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