Die Altstadt von Görlitz ist stockduster, keine Straßenbeleuchtung ist eingeschaltet - aus Sicherheitsgründen. "Wir wollten vermeiden, dass es zu Havarien oder gefährlichen Zwischenfällen kommt, sollte das Wasser steigen", sagt Bürgermeister Michael Wieler. Es ist kurz vor  Mitternacht und das Schlimmste ist offenbar vorbei. Eine acht Meter hohe Flutwelle ist die Neiße entlanggerauscht. Ein Damm des Witkastausees auf polnischer Seite nahe Radomierzyce war gebrochen.

Die Altstadt von Görlitz ist stockduster, keine Straßenbeleuchtung

Um 19:12h informierte der Katastrophenstab des Landratsamtes per E-Mail: "Die polnische Polizei informierte soeben, dass am polnischen Witka-Staudamm gegenüber von Hagenwerder die Staumauer gebrochen ist. Bitte bringen Sie sich umgehend in Sicherheit! Nutzen Sie höher liegende Gebäude und Stockwerke."
 

 

In der Folge wurde Hagenwerder im Süden von Görlitz überschwemmt, ebenso die B 99. Die Polizei sperrte die Straße. Die Bewohner wurden aufgefordert ihre Häuser zu verlassen. Der östliche Teil von Weinhübel, ein Stadtteil von Görlitz, wurde ebenfalls evakuiert.

Die meisten Menschen sind bei Verwandten untergekommen. Für alle anderen hat die Stadt ein Notlager in der Turnhalle des Berufsschulzentrums eingerichtet. Feldbetten wurden aufgestellt. Viele der Menschen, die hier landen, sind Gäste aus dem Hotel Mercure, das direkt an der Neiße liegt.
Wir verbringen hier unsere Hochzeitsnacht" erzählt Peter Mahler...
"Wir verbringen hier unsere Hochzeitsnacht" erzählt Peter Mahler aus Frankfurt am Main. "Unsere 48.", fügt er hinzu und schmunzelt. Er nimmt die Lage mit Humor. Gemeinsam mit Frau Ingrid war er noch wenige Stunden zuvor durch die dunkle verregnete Nacht geirrt.
"Im Hotel haben sie uns einen Stadtplan in die Hand gedrückt und uns in das Landratsamt geschickt", erzählt er. Dort aber sei niemand gewesen. Ein einsamer Fahrradfahrer, den sie nach dem Weg fragten, entpuppte sich zufällig als Mitarbeiter des Landratsamtes. Er fand schließlich heraus, wo die Mahlers unterkommen konnten, organisierte sogar, dass das THW das Ehepaar samt Hund Kora abholte. "Der hat sich wirklich um uns gekümmert. Richtig gut", meint Ingrid Mahler und fügt hinzu: "Nicht so wie das Hotel."
 
Am Rand der Turnhalle steht ein Tisch. Hier lassen sich die Ankommenden registrieren. Auch wer nicht hier bleibt und übernachtet, weil er bei Verwandten untergekommen ist, meldet sich hier. "Meine ganze Wohnung ist abgesoffen", erzählt ein Mann von der Hotherstraße und lässt seinen Namen aufschreiben. "Ich bin aber schon anderswo untergekommen."
Inzwischen bauen die Helfer immer mehr Feldbetten auf.
Inzwischen bauen die Helfer immer mehr Feldbetten auf. Raphael Schmidt von den Maltesern verordnet vorerst eine Pause beim Bettenaufstellen. Es ist nicht abzusehen, wie viele Menschen noch hierher kommen. "Es ist Quatsch, jetzt alles voll zu stellen", sagt er. "Was wir noch brauchen bauen wir nachher selbst auf." Die Menschen, die Hunde dabei haben, werden in Nebenräumen untergebracht. "Das wird sonst zu laut hier", sagt Schmidt. Dann verteilt er Decken, ordert Tee und schleppt einen kleinen Kühlschrank aus einem Raum. Um Insulin für einen Diabetiker zu kühlen.
 
Joachim Rudolph organisiert inzwischen eine behindertengerechte Unterkunft für ein älteres Ehepaar. Etwas außerhalb von Görlitz. Rollstuhlgerecht muss sie sein. Hier im Berufsschulzentrum können Rollstuhlfahrer nicht einmal auf Toilette.
 
Das Schlimmste ist hoffentlich vorbei", sagt Bürgermeister Michael Wieler"Das Schlimmste ist hoffentlich vorbei", sagt Bürgermeister Michael Wieler, der an der Neiße steht, und etwas verlassen wirkt. Immerhin - als die Welle durch die Stadt gerollt ist, stieg das Wasser enorm schnell.
 
"Ein Meter in etwa zwei Minuten", sagt eine junge Frau von den Einsatzkräften. "Das war wirklich beängstigend", meint ihr Kollege."Mit so etwas haben wir nicht gerechnet", sagt auch Wieler. "Einen solchen Fall hatten wir noch nicht."
 
Ein Punkt, den Malteser Raphael Schmidt der Stadt vorwirft. "Die haben überhaupt keinen Plan für einen solchen Notfall", sagt er. Was ihn besonders ärgert, ist die andauernde Diskussion im Freistaat um den Katastrophenschutz. Der soll am liebsten geschrumpft werden. "Was ist in einem solchen Fall wie heute? Der Katastrophenschutz ist nicht in Görlitz, der ist in Zittau im Einsatz. Man sieht doch, dass man den Katastrophenschutz braucht."
 
Tatsächlich hat es Zittau wesentlich härter getroffen als Görlitz. Hier sind nach starken Regenfällen Mandau und Neiße über die Ufer getreten. Im Zittauer Gebirge sind Bäche zu reißenden Strömen geworden. In einigen Orten seien Menschen mit Schlauchbooten aus überschwemmten Häusern geholt worden, so das Innenministerium.
 
In Bertsdorf-Hörnitz drohen zwei Häuser einzustürzen. "Dort wollten wir nächste Woche die Hochzeit meines Sohnes feiern", erzählt Raphael Schmidt. "Hoffentlich fällt das nicht ins Wasser."

Sachsenweit haben die Regenfälle mindestens drei Menschenleben gefordert. Im Erzgebirge ertranken drei Menschen, als sie versuchten Waschmaschinen aus den Kellern zu retten. In Polen ertrank ein Mensch in den Fluten, in Tschechien starben drei Menschen.
 
In Görlitz ist die Lage nicht mehr ganz so gespannt. Das Wasser stieg nach dem Durchrollen der Welle nur noch sehr langsam. Dennoch ging die Polizei davon aus, möglicherweise auch noch die andere Hälfte des Stadtteils Weinhüberl evakuieren zu müssen. Wie viele Menschen noch Unterschlupf im Berufsschulzentrum suchen werden, das weiß keiner. Schulterzucken überall.
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Dass sie allerdings auf keinen Fall in der Turnhalle im zweiten Stock untergebracht werden können, ist sicher. Dort nämlich säßen sie nicht im Trockenen. Das Flachdach des Berufsschulzentrums leckt. Überall auf dem Linoleum stehen Wasserpfützen.
Bürgertelefon: 03588-285940 * 03588-285941
 
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