"Wenn ein Einzelhändler das Bedingungslose Grundeinkommen nicht versteht, tickt der nicht richtig." Der das sagt, ist selbst Unternehmer. Götz Werner hat als 29jähriger die Drogeriekette dm gegründet. Er gilt als Milliardär. Und seit einigen Jahren macht er sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen stark.

Görlitz: Götz Werner und das Bedingungslose Grundeinkommen * FAKTuellFoto
OB Joachim Paulik * Prof. Götz Werner

An diesem Nachmittag tut er das in Görlitz. Rund zwei Dutzend Bürgermeister und Stadträte, Landtagsabgeordnete und ein paar Journalisten hören ihm zu. Eingeladen hat sie der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick. Denn der findet die Idee gut. Und er hält sie für die einzige Lösung der Probleme, die besonders hier an der Neiße den Kommunalpolitikern zu schaffen machen: Billiglöhne und Ein-Euro-Jobs statt bezahlter Arbeit, von der man leben kann.

Die Folge: immer mehr junge Menschen wandern ab, Kultur und Jugendarbeit sind nicht mehr finanzierbar, die Kaufkraft fehlt. Theater sind bedroht, Jugendeinrichtungen machen Pleite, Unternehmen melden Insolvenz an. "Sie hier in den Kommunen spüren das als erste", sagt Götz Werner und erntet zustimmendes Nicken. "Ohne Einkommen kann man nicht tätig werden", sagt er auch und dass man nur durch zwei Dinge lerne: "Einsicht oder Katastrophe."

Dass das Bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland eingeführt werden muss ist für den Unternehmer keine Frage. Dass er dabei auf viel Skepsis stößt, ebenfalls nicht. Die sei sogar nötig. Nur wer skeptisch sei, setze sich auch mit der Idee auseinander.

Und die sieht so aus: Jeder Bürger bekommt 1.000 Euro im Monat als Grundeinkommen. Ohne Bedingung. Alles, was er mehr wolle, müsse er durch Lohnarbeit dazuverdienen. Das Argument, dass dann keiner mehr arbeite, treibt Werner ein Lächeln ins Gesicht: "Fragen Sie doch mal, was die Menschen machen würden. Alle sagen, sie würden weiter arbeiten. Nur den anderen traut man das immer nicht zu." Das Beispiel der Lottogewinner, die ihre Jobs in der Regel weiter machen, will er gar nicht erst weiter ausführen. Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Arbeitsstunden, die in Deutschland geleistet werden, aus ehrenamtlicher Arbeit stammen, auch nicht.

"Es ist eine Frage des Menschenbildes", sagt Götz Werner. "Möglich, dass der eine oder andere erstaunt feststellen wird, dass er jemanden nicht richtig gekannt hat. Dumm nur wenn es der eigene Partner ist", fügt er hinzu.

Arbeit sei wichtig, um sich zu entwickeln, nicht für das Einkommen. Einkommen ermögliche erst Arbeit. Das sei auch seine persönliche unternehmerische Erfahrung. "Der Arbeitsplatz darf nicht zum Einkommensplatz degenerieren", sagt Götz Werner und fügt hinzu. "Menschen, die Sachen machen, die sie nicht machen wollen, versalzen uns die Suppe."

Eine geradezu Luzifersche Verblendung sei für ihn das Motto: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Eine unmenschliche Maxime nennt er das. "Dann könnten Sie nicht mal Fahrstuhl fahren. Und versuchen Sie doch mal unter diesem Motto eine Ehe zu führen. Viel Spaß dabei."

Dass Arbeit nur sei, was gut bezahlt sei, das ist für Götz Werner "typisch sozialistisch kontaminiert". "Was wir brauchen ist eine Tätigkeitsgesellschaft, keine Arbeitsgesellschaft", stellt er auch klar. Denn wenn man sich die Leute anschaue, die ehrenamtlich tätig seien, sehe man sehr gut, warum sie das tun: "Weil sie es können, weil es andere schätzen und weil sie es sich leisten können."

Hartz IV ist für den Unternehmer menschenverachtend. Man beschneide einem Teil der Menschen die Rechte, obwohl kein Strafurteil gegen sie ergangen sei. Zwangsarbeit sei zudem verboten. "Wenn wir immer weiter Druck machen, wird das ungut enden", prophezeit er. Und das immer wieder von einigen gern angeführte Argument, Hartz-IV-Empfänger lägen dem Staat auf der Tasche, bringt ihn zum Schmunzeln. "Schauen Sie sich mal den Opernbesucher in München an. Der wird hoch subventioniert. Nicht der Hartz-IV-Empfänger. Der zahlt praktisch 50 Prozent Steuern."

Die Frage der Finanzierung eines Bedingungslosen Grundeinkommens ist für ihn ebenfalls beantwortet. Statt des undurchdringlichen Steuerwirrwarrs plädiert er für eine einzige Steuer: die Konsumsteuer. Tatsächlich würde man dann nur Steuer zahlen in dem Moment wo man eine Leistung in Anspruch nimmt.

"Wir brauchen eine andere Art zu denken", sagt Götz Werner. Vor allem, ohne immer nach Politikern zu schielen. In der Schweiz, wo derzeit ein Volksentscheid zum Bedingungslosen Grundeinkommen vorbereitet wird, frage man nie danach, was Politiker dazu sagen, sondern "was sage ich dem Politiker, was er tun soll". Mehr direkte Demokratie sei deshalb auch für Deutschland unverzichtbar.

Bei den Kommunalpolitikern in Görlitz stößt er durchgehend auf Zustimmung und Verständnis. Die Fragen, die sie haben, werden offenbar schlüssig beantwortet. Für Joachim Paulick ein gutes Zeichen. Er will für eine fraktionsübergreifende ernsthafte Diskussion des Themas eintreten. "Wir brauchen eine Lösung, so wie es jetzt ist kann es nicht weitergehen", sagt er. Im Herbst will Götz Werner noch einmal nach Görlitz kommen, dann zu einer öffentlichen Veranstaltung. "Wir hatten sehr viele Anrufe von Leuten, die gern dabei gewesen wären", erzählt Paulick. Götz Werner kann dieses Interesse nur recht sein. Sein Ziel: "Die Idee muss epidemisch werden."

 

---

LeseTipps:

Handbuch Bedingungsloses Grundeinkommen 

Das BGE - eine Chance zum Leben? 

Bedingungsloses Grundeinkommen * Jobs on Demand

Einkommen für Alle

{loadnavigation} 

Share Button