Post aus Namibia. Frieda Nembwaya schreibt mir. Ihrer Familie gehe es gut. Nur heiß sei es. Sie habe viel zu tun. Und seit die Auszahlung des BIG im vergangenen Jahr gestoppt wurde, hat sie vor allem Sorgen. Die Leute haben kein Geld mehr.
BIGinNamibia0231FAKTuellFoto (c)
Unermüdlich und bei der größten Hitze - Frieda hat in ihrer kleinen Bäckerei auch Hilfe von ihren Kindern bekommen.

Fehlt die Kaufkraft, kann man kein Geschäft machen. Ein Trend, der Mittelständlern in Deutschland nicht fremd ist, sofern sie nicht vom Export leben.

BIGinNamibia0241FAKTuellFoto (c)
Frieda Nembwaya  hat hart gearbeitet und gut verkauft - solange die Kaufkraft da war. Brot brauchen die Siedler immer noch, nur leisten können sie es sich kaum noch.

Frieda Nembwaya muss verzweifelt sein. "Meine beste Freundin", redet sie mich an. Wir kennen uns kaum. Als ich 2009 für meine Bachelorarbeit zum Thema Basic Income Grant in Namibia recherchierte, lernten wir uns kennen. Eine Frau, die die monatlichen anfangs rund zehn, später nur noch acht Euro genommen und sich ein kleines Bäckereigeschäft aufgebaut hatte.

Ein Blick zurück und in meinen eigenen Bericht:
2007 war sie nach Otjivero gezogen. Damals hatte sie 16 Kilometer entfernt auf einer Farm gearbeitet. „Aber meine Kinder waren klein und ich konnte nicht so lange arbeiten. Das Geld hat auch nicht gereicht“, erzählte die heute 37-Jährige.

Als sie in der Siedlung ankam, begann gerade die Registrierung für das BIG. Sie wurde einer der 930 künftigen BIG-Empfänger. Sie kaufte von dem ersten Geld Mehl, Hefe und Zucker und begann, vor dem Haus Brot zu backen. „Dann habe ich das Geld gespart und mir einen Herd gekauft. Jetzt ist es dadurch viel leichter geworden“, erzählt sie.
BIGinNamibia0200FAKTuellFoto
Mittagessen. Diese Kinder löffeln ihren Brei aus einem gemeinsamen Topf.

Pro Tag bäckt sie etwa 400 dieser süßen Brötchen, bis zu 700 werden es manchmal. Das Stück verkauft sie für einen Dollar. Ihr Haus besteht aus zwei Räumen, wobei der Backraum mehr als doppelt so groß ist wie der Schlafraum. In einem extra Vorraum hat Frieda den Verkaufsraum eingerichtet. Auch hier gibt es - wie überall in den Läden in Namibia - eine Abtrennung, in diesem Fall Maschendraht statt Gitter. Immer wieder kommen Nachbarn und kaufen Brot. Frieda pendelt zwischen dem Back- und dem Verkaufsraum. Sie sagt: Mein Leben ist besser geworden. Ich bin sehr glücklich über dieses Projekt, über das BIG. Denn mit so vielen Kindern wüsste ich nicht, wie ich durchkommen sollte. Ich hatte keine Arbeit, viele Kinder, keine Unterstützung. Ich saß hier und hatte nichts zu tun. Aber als das BIG kam habe ich mein eigenes Geschäft eröffnet. Und es ist gewachsen und wächst weiter. Angst vor Konkurrenz hat sie nicht. „Den Leuten ist das zu viel Arbeit, alles viel zu schwer“, sagt sie.

Die Leute in Otjivero zeigten sich damals sehr auskunftsbereit, auch Uhuru Dempers von der BIG-Coalition, den Organisatoren dieses Projekts, nahm kein Blatt vor den Mund. In erster Linie zeigte er sich zufrieden. Zufrieden über die Entwicklung seit der Auszahlung des BIG.

Als ich gestern nach dem Meeting bei der Frau war, die das Brot bäckt, habe ich sie gefragt: „Frieda, warum dauert das so lange? Du hast gesagt, das Brot ist fertig.“ Und sie sagte: „Ich habe Brot gebacken vor dem Treffen, aber es war sofort ausverkauft.“ Sie musste neues backen. Da ist Kaufkraft in der Gemeinschaft. Als ich ging, hatte sie zehn Haushalte da, die Brot holten. Sie hat weiter gebacken. Sie bäckt bis abends um acht. Und die Leute gehen und kaufen. Das gab es nicht vor dem BIG. Und nun gibt es Möglichkeiten.
BIGinNamibia0228FAKTuellFoto (c)
Sogar einen Kindergarten gab es zu Zeiten des BIG in Otjivero.

Frieda Nembwaya war nicht die einzige, die ein kleines Geschäft gegründet hatte. Kleine Läden, in denen Getränke und Nahrungsmittel verkauft wurden, eröffneten. Einwohner bauten Gemüse an, stellten Kleidung her. Andere gingen fischen, was sie selbst nicht brauchten, verkauften sie.

„Diese Plätze sind komplett verändert“, sagte Uhuru Dempers damals und fügte hinzu: "Das ist Fortschritt. So viel Fortschritt mit so wenig Geld. Wann immer man nach Omitara geht, man hörte eine neue Geschichte. Die Leute erzählen, wie sich ihre Situation geändert hat. Die Änderungen sind nicht künstlich, sie sind fundamental. Die Leute haben das Geld richtig verwendet und wir sehen die Veränderungen."
BIGinNamibia0209FAKTuellFoto
Lernen im Freien - auch in den Ferien wird Lesen geübt.

100 namibische Dollar jeden Monat für 930 Menschen machten es möglich. Frieda Nembwayas Geschäft war dabei von Anfang an eines der wenigen, das tatsächlich einem kleinen Unternehmen gleicht. Und entsprechend ein Vorzeigeobjekt. Die meisten anderen Unternehmungen sind relativ klein angelegt und versorgen vor allem Angehörige und direkte Nachbarn. Die Menschen gehen selten in Vorleistung, indem sie etwas herstellen und dann anbieten, sondern arbeiten, sobald sie einen konkreten Auftrag dafür bekommen. Herlina Smith meint: „Vor dem BIG ging es uns nicht gut. Seit es gezahlt wird, geht es uns besser.“

BIGinNamibia0216FAKTuellFoto  (c)
In den Hütten ist es häufig eng, viele Kinder schlafen gemeinsam in einem Bett. Das tut ihrer guten Laune allerdings keinen Abbruch.

Und schon damals ging die Angst um, die Angst vor dem Ende dieses Projektes, auch wenn von Beginn an klar war, dass es nur dauern würde, wenn der Staat Namibia das Konzept übernehmen würde. Ingrid Ganes, eine junge Frau aus Otjivero, meinte damals: „Dann wird es viel Hunger geben hier. So wie früher. Man kann sich ja nichts verdienen. Es gibt keine Arbeit hier.“  Pedros Seibeb setzte auf seine Familie: „Wenn es nichts mehr gibt habe ich meine Brüder und Schwestern. Die haben Arbeit. Die rufe ich an und sage ihnen, dass ich kein Geld habe und nichts zu essen. Dann schicken sie mir welches her.“

Seit Ende vergangenen Jahres ist es so weit. Und während die Gegner eines Grundeinkommens hämisch "Ätsche-Bätsche" machen, müssen Menschen sehen, wie sie überleben können. "Selbst erwirtschaften", tönt es selbstgefällig von Kritikern. Ein leichter Rat aus dem fruchtbaren Europa in den Süden geschrien. Otjivero ist praktisch eine Insel. Ein Lager, umgeben von riesigen Farmen, die streng bewacht werden. In diesem großen Land überwiegen Zäune. Das Dorf, das eher ein Camp ist, liegt zwischen Gobabis und Windhoek, jeweils rund 100 Kilometer entfernt. Arbeit gibt es hier nicht. Wer die sucht, muss seine Familie verlassen und in den Städten danach suchen. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 40 Prozent, manche behaupten mehr als 50. Genau kann man das in diesem Land der krassen Gegensätze nicht feststellen.

BIGinNamibia0127FAKTuellFoto  (c)
Mit der Einführung des BIG ist die Kindersterblichkeit in Otjiveroe stark zurückgegangen. Davor sah es anders aus. Viele Grabsteine zeugen davon.

Eher aussagekräftig ist der Human Development Index(HDI). Er ergibt sich aus Lebenserwartung, Bildung und Pro-Kopf-Einkommen. Namibia hat einen HDI von 0,607 und liegt damit auf Rang 126 von 177 Staaten. Hier gilt: Je höher der Wert um so höher der Lebensstandard. Zum Vergleich: Deutschland liegt mit einem Wert von 0,925 auf Platz 19.

Etwas anpflanzen in Otjivero? Wohl eher Fehlanzeige. Dabei haben es die Menschen in Otjivero noch vergleichsweise gut getroffen. Sie leben neben einem Stausee, könnten ihn vielleicht anzapfen, um das nötige Wasser zu erhalten. Könnten sie tatsächlich? Der See, der dem staatlichen Unternehmen Namwater gehört, ist - wie fast alles im Land - umzäunt. Betreten verboten. Wer hier fischt, geht ein Risiko ein. Aber zumindest könnte so jemand schnell verschwinden. Wie aber sollten die Einwohner von Otjivero erklären, wenn sie sich Wasserleitungen bauen würden, um Gemüsebeete zu wässern? Allein, wenn sie ihre Ziegen in der Nähe des Staudamms weiden lassen, müssen sie mit Restriktionen rechnen.

BIGinNamibia0145FAKTuellFoto  (c)
Der Staudamm in Otjivero. Dank des Wassers könnte es den Siedlern gut gehen. Doch Betreten ist hier verboten.

Wenn Kritiker heute behaupten, BIG zeige, dass ein Grundeinkommen zum Scheitern verurteilt sei, so haben sie Grundsätzliches nicht begriffen. Ganz im Gegenteil. Das Grundeinkommen ist ein Menschenrecht. An dieser Stelle zitiere ich mich selbst aus meinem Buch:

Der Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm schreibt 1966 in einem Aufsatz:
Das garantierte Einkommen würde nicht nur aus dem Schlagwort ‚Freiheit‘ eine Realität machen, es würde auch ein tief in der religiösen und humanistischen Tradition des Westens verwurzeltes Prinzip bestätigen, daß der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben. Dieses Recht auf Leben, Nahrung und Unterkunft, auf medizinische Versorgung, Bildung usw. ist ein dem Menschen angeborenes Recht, das unter keinen Umständen eingeschränkt werden darf, nicht einmal im Hinblick darauf, ob der Betreffende für die Gesellschaft ‚von Nutzen' ist (Fromm, 1966, S. 176).

BIGinNamibia0214FAKTuellFoto  (c)
Stolz auf die schöne Einrichtung.

Gerade letzter Gedanke ist ein wesentlicher Punkt, der zu häufig übersehen wird. Wer legt fest, was wirklich nützlich ist? Ist es die Mutter, die in einem Lohnjob arbeitet und sich kaum um ihre Kinder kümmern kann? Oder ist es die Mutter, die das nicht braucht, weil sie ein gesichertes Einkommen hat, und deshalb für ihre Kinder da ist? Die sie erziehen und stark machen kann. Ist es der Vater, der auf Montage ist, oder wie in Namibia monatelang als Wanderarbeiter unterwegs, und der Geld an die Familie schickt? Oder ist es der Vater, der das nicht braucht und zu Hause das Haus repariert, den Garten bestellt und seinen Sohn zum Fußballspiel fährt? Selbst jemand, der einfach nichts tut und das Grundeinkommen kassiert ohne irgendetwas dafür zu leisten, hat seine Daseinsberechtigung. Eine starke Gesellschaft hält solche Menschen fraglos aus. Die Wirkungen des BIG in Namibia sind durchaus auf Deutschland übertragbar.

BIGinNamibia0118FAKTuellFoto  (c)
Manche Einwohner haben Ziegen, doch wo sie sie weiden sollen ist nicht klar. In der Nähe des Staudamms jedenfalls ist es nicht erlaubt. NamWater droht mit Strafen.

Die Effekte, die es hier gezeigt hat, könnte es auch in Deutschland haben. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein gangbarer Weg in eine lebendige und freie Gesellschaft. Oder wie Uhuru Dempers es ausdrückt, wenn er heute Otjivero/Omitara betrachtet: „Es ist ein Platz, an dem man lebt.“
Zumindest war er das. Bis vor kurzem.

 "Ich hoffe Du antwortest mir bald", schreibt Frieda.
Aber was soll ich ihr sagen? Dass Banken wichtiger sind als Menschen? Dass sie "gefälligst was tun soll für ihr Geld", wie so viele meinen? Dass sie vielleicht im nächsten Leben lieber in Europa zur Welt kommt und am besten als Kind reicher Eltern?   Soll ich ihr mein Bedauern ausdrücken und einen Schein in den Brief legen?

Die namibische Regierung hat das Projekt nicht einmal wirklich ernsthaft betrachtet. Und das, obwohl der Vorschlag zu einem Grundeinkommen von der eigens mit Lösungssuche beauftragten Namibian Government's Tax Commission stammte. Gerade mal bis zu knapp vier Prozent des Nationaleinkommens wären nötig gewesen, um das Grundeinkommen landesweit in Namibia zu finanzieren.

BIGinNamibia0192FAKTuellFoto  (c)
Das Leben in Namibia spielt sich fast ausschließlich draußen ab. Die Hütten sind nur zum Schlafen da.

Noch im Oktober vorigen Jahres, zu einem Zeitpunkt, als die Einwohner erstmals kein Grundeinkommen mehr erhielten, lobte die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen (UN), Magdalena Sepúlveda das Projekt. Sie sprach sich für die landesweite Einführung aus. In der Allgemeinen Zeitung wird sie zitiert: „Die positiven Auswirkungen des Einkommenszuschusses haben mich beeindruckt. Sozialer Zusammenhalt, Bildung und Gesundheit von Menschen in Armut werden so gefördert. Ich empfehle namibischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, dieses lobenswerte Projekt zu fördern und landesweit umzusetzen.“

Heute feiert Namibia seinen Unabhängigkeitstag. Wer feiert da eigentlich was genau? Die wenigsten Namibier dürften sich wirklich frei fühlen. Die in Otjivero mit Sicherheit nicht. Ulrich Beck bringt es in seinem Buch "Was zur Wahl steht" so auf den Punkt:
Freiheit schließt Furchtlosigkeit der Bürger ein und ihr Tätigwerden. Das wächst nur dann, wenn die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und heute wissen, wovon sie morgen und im Alter leben.

---
LeseTipp:

BIG200pxCoverFront


 
Wer Frieda Nembwaya schreiben möchte:

33784809-1 Napost
Frieda Nembwaya
P. Box 48
Omitara

 

 

Share Button

Kommentare   

 
0 #1 Guest 2013-03-23 00:29
Gradido - Natürliche Ökonome des Lebens - Ein Weg zu weltweitem Wohlstand und Frieden in Harmonie mit der Natur.
1. Gruneinkommen
2. Staatseinkommen einschließlich Gesundheits- und Sozialwesen
3. Ausgleichs- und Umweltfonds zum Schutz und zur Sarnirung der Umwelt
http://gradido.net/Book/c/7/lob_aus_aller_welt
Zitieren
 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

FAKTuell-Verlag
Hrsg. Momo Lenz

Faktor-L

BioNerds und das Liebesprinzip

 


Faktor-L
Kein Plan B
FaktorLkeinPlanBCoverMomoLenz200px

faktor-L
Nimms Leicht!
Schlank durch...
NimmsLeicht Cover


faktor-L
Neue Medizin & HCG
faktor-L Neue Medizin & HCG * Homöopathie  * oder: Hamer trifft Hahnemann

faktor-L  * Neue Medizin 1
Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung
Krebs und andere heilbare Krankheiten
Mit einer Einführung
in die Neue Medizin von:
Professor Dr. Hans-Ulrich Niemitz

faktor-L * 1 Neue Medizin * Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung - Krebs und andere heilbare Krankheiten 

 

faktor-L * Handbuch Neue Medizin 2
Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung
Konflikte - Auslöser - Verlauf
bei Krebs und anderen heilbaren Krankheiten
Inklusive: Lexikon der Neuen Medizin

faktor-L * 2 Handbuch Neue Medizin - mit Lexikon 


 
Neue Medizin Basiswissen
eBook 2,99faktor-L * Neue Medizin * Bioblatt 1 * Basiswissen (faktor-L * Bioblatt) [Kindle Edition] Neue Medizin  07.06.2011

faktor-LNeue Medizin 8
100 Tage Herzinfarkt
Alles mein Revier

faktor-L * Neue Medizin 8 * 100 Tage Herzinfarkt - alles mein Revier 
 


HIV - AIDS
und die Virenlüge

Ein Esstisch-Gespräch mit
Dr. Stefan Lanka & Karl Krafeld

faktor-L 6 * HIV - AIDS und die Virenlüge * Interview mit Dr. Stefan Lanka & Karl Krafeld
 

faktor-L * Neue Medizin 3
Therapie und Praxis
Das Methoden-ABC

faktor L * 3 * Neue Medizin * Therapie und Praxis * Das Methoden ABC 

faktor-L * Band 5

Katzen ...was sonst

Natürlich kann man ohne Katzen leben.
Aber weshalb sollte man...
Special: Neue Medizin für Tiere

Katzen ...was sonst * Was Sie schon immer über Katzen wissen wollten


faktor-L  *
Neue Medizin 7
Das Selbst und das Ich
Spurensuche

faktor-L Neue Medizin 7 * Das Selbst und das Ich - Spurensuche * Regressionstherapie 

BGE Handbuch 07.06.2011