Bautzen 1. Mai  2012
Das Gesicht ist rot, der Schweiß rinnt. Der junge Polizist hat sich mit seiner Kollegin in den Schatten gestellt. "Haben Sie eine Klimaanlage darin", fragt eine Passantin und deutet auf die Panzerung, in der die Beamten stecken. "Leider nicht", sagt die junge Polizisten. Und ihr Kollege fügt hinzu: "Nur Ober- und Unterhitze."

Bautzen 1. Mai 2012
Die Handvoll junger Leute, die nun mit Fahrrädern und zu Fuß auf der Tuchmacherstraße erscheint, haben ihre eigene Hitze. Trotz T-Shirts und kurzer Hose sehen sie kein Stück entspannter aus als die Polizisten. Hier werden gleich rund 250 NPD-Anhänger entlang marschieren. Das wollen sie verhindern. Vier Beamte versuchen, sie zurückzuhalten. Immer wieder rennt einer der Gegner los, versucht, an den Polizisten vorbeizukommen. "Na los, durch", brüllt einer der Passanten. "Sind doch nur vier."

Bautzen 1. Mai 2012
Das ändert sich plötzlich. Einsatzwagen um Einsatzwagen fährt in die Pchalek-Straße, auf die Tuchmacher- und die Rosenstraße, parkt am Straßenrand. Polizisten in voller Montur springen heraus, bilden Ketten und sperren die Straßen ab. Als noch ein paar Bautzener versuchen, an ihnen vorbei zu kommen, stoßen einige Beamte einen Kampfschrei aus, rennen auf sie zu, drängen sie heftig zurück, lassen keinen Zweifel daran, dass sie notfalls handgreiflich werden.
Minuten später marschieren die Rechten auf, biegen auf die Tuchmacherstraße ein, laufen am Kornmarkt vorbei, werden von dort wieder zum Bahnhof ziehen, wo sie kurz zuvor ihre Kundgebung abgehalten hatten, wo einige von ihnen und auch einige ihrer Gegner bereits erste Anzeigen kassiert haben, weil sie Masken und Sturmhauben zum Vermummen dabei hatten.


Bautzen 1. Mai  2012
"Nazis raus" tönt es von allen Seiten. Die Sprechchöre übertönen die Parolen der Rechten. Ein älterer Mann, der mitmarschiert, winkt in die Menge. Er wirkt, als habe er die Zeit verpasst. Als würde er wie früher am 1. Mai an der Tribüne vorbeilaufen und den Bonzen zuwinken. Nur dass er diesmal den wütenden Bautzenern zuwinkt, die von Polizisten zurückgehalten werden. Ganze Familien haben sich auf den Weg gemacht, um die Rechten auszubuhen und weg zu pfeifen. Minuten später ist der Zauber vorbei, der Marsch beendet. Dutzende Polizeiwagen fahren in Kolonne davon.


Bautzen 1. Mai 2012
"Was für ein Aufwand", sagt eine Frau und schüttelt den Kopf. "Aber andererseits, wenn man sie machen lässt, werden es immer mehr", fügt sie hinzu. Und ein Mann nickt. "Was das kostet, aber es muss halt sein." "Abknallen" ruft ein Betrunkener wütend. "Die wissen doch nicht wovon sie reden", schimpft er und schüttelt die Faust gegen die rechten Demonstranten.


Bautzen 1.Mai 2012
Zwischen Museum und Reichenturm feiern inzwischen die Menschen. Seit Stunden hören sie Musik, trinken, lachen, tanzen, genießen die Sonne. "Bratwurstessen gegen rechts", meint ein junger Mann sarkastisch. Ein Gewerkschafter verteilt schwarze Luftballons, was eine junge Frau irritiert. "Wieso sind die schwarz?" "Schwarz sind die Nazis", erklärt der Mann. In weißer Schrift steht auf den Ballons "Nein zu rechts".


Bautzen 1.Mai  2012
Die Junge Union zieht unterdes Strippen am Turm. "Buntes Netz gegen braune Strippenzieher" nennen sie die Aktion.  Sie verteilen farbige Wollbändchen, dazu Karten. "Ich bin für Toleranz und gegen Extremismus, weil..." steht darauf. Die Bautzener und ihre Gäste ergänzen den Satz. Weil "bunte Bilder schöner sind", weil "ich in Frieden leben will", weil "Zukunft in der fröhlichen Art des Zusammenlebens stattfindet" oder auch weil "geradeaus besser ist als rechts". "Bisher sind es etwa 300 Karten", zieht Tim Döke zwei Stunden nach Beginn der Aktion Bilanz.
Die Party am Fuß des Reichenturms geht weiter. Was die Zittauer NPD-Stadträtin Antje Hiekisch über Twitter ätzen lässt: "Es geht doch, endlich ist in Bautzen was los. Alles kostenfrei." Den Bautzenern kann sie damit allerdings nicht die Laune verderben. Als 14.30 Uhr Silbermond auftritt, ist der Nazi-Spuk endgültig vergessen.
"Ein völlig friedlicher Ablauf", ist denn auch das Fazit von Polizeisprecher Thomas Knaup. "Keine Ausschreitungen, keine Zwischenfälle." Bei der Menge an Polizisten, die im Einsatz waren, wäre das allerdings auch eher ein Wunder gewesen. Knaup nennt die Menge "angemessen", eine konkrete Zahl will er nicht nennen: "Ich habe eine Schwäche in Mathematik. Ich würde mich ohnehin verzählen."

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Kommentar: 1.Mai - Bullenhitze in Bautzen

 

 

 

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