Ein Holzbrett, eine Lederjacke, ein Sack mit verschlammten Resten gefüllt. Greifen, tragen, reinwerfen. Ausweichen, ducken, weil der nächste wirft, wieder greifen. Diesmal Einweckgläser. Gefüllt mit Birnen, Pflaumen, Kirschen. Ein alter Korb kommt gerade recht. Er landet nicht in der Presse. Er wird zum Sammelbehälter für Kleinkram.

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Drei große Müllhaufen passen in das Müllfahrzeug mit eingebauter Presse. Dann muss Otto, der Fahrer, den Müll nach Kunnersdorf bringen. Hier hat der Landkreis Görlitz ein Zwischenlager eingerichtet. Nur für Flutmüll. Denn eigentlich ist die Deponie geschlossen. Aber eigentlich fällt hier auch nicht so viel Müll an wie derzeit.
 

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In Hagenwerder reiht sich ein Haufen an den anderen. Die Straßen sind voller Flutmüll. Geflutete Sofas, Sessel, Stühle, Waschmaschinen, Tiefkühltruhen, Kinderwagen. Nicht nur in Hagenwerder sieht es so aus. In Ostritz, im Zittauer Gebirge, in Görlitz-Weinhübel.


Alle Fahrzeuge sind heute unterwegs, an diesem Samstag, laden ein, fahren weg, kommen wieder. Für die Helfer, die sich eingefunden haben, bedeutet das Wegfahren Pause. Anderthalb Stunden Däumchen drehen. Belegte Semmeln essen, Kaffe im Gemeindezentrum trinken, quatschen, sich den Ort ansehen.

HoWaHelferinenHagenwerder14082010bIn Alt-Hagenwerder steht an der tiefsten Stelle schon wieder das Wasser. Schwere Gewittergüsse am Morgen haben das Wasser wieder ins Haus von Ingo Weese gedrückt. Nur in Gummistiefeln kommt man hier in den ersten Stock. Da, wo er seine wertvolle Modellautosammlung hat.HoWaFlutIngoWeeseModelleGerettetHagenwerder14082010 

"Da sind Modelle dabei, die gibt es heute gar nicht mehr", sagt er. Dass sie nicht von der Flut hinweggeschwemmt wurden ist reiner Zufall. Erst vor kurzem hatte er sein eigenes Bastelzimmer im ersten Stock eingerichtet. Davor war alles im Keller untergebracht. Wie er sie unbeschädigt aus dem Haus bekommen soll, das treibt ihn gerade um. "Wenn das deine ganzen Probleme sind, sieht es schon wieder gut aus", sagt Weeses Onkel Harald Twupack und grinst.

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Ingo Weese ist gut drauf. Obwohl das Wasser hoch steht. Obwohl das Haus teilweise mit Gasbetonsteinen saniert wurde, die nun zerbröseln werden. Und obwohl der Baugutachter, der am Montag erwartet wird, möglicherweise einen Abriss empfehlen wird. Immerhin hat Ingo Weese noch eine alte Versicherung. Eine aus DDR-Zeiten. Und außerdem hat er aus Karlsruhe ein Westpaket geschickt bekommen. Darin sind Hygieneüberzüge und andere nützliche Dinge gewesen.

"Schuhe! Endlich. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, nach einer Woche wieder Schuhe zu tragen. Ich hatte ja nur Badelatschen", erzählt er. Als das Hochwasser kam, war er mit seiner Familie bei einer Schulanfangsfeier in Görlitz. Als er unruhig geworden über Schleichwege nach Hause fuhr und das Drama sah, wollte er am liebsten im Anzug durchs Wasser waten. Seinen Hund retten. Sein Kumpel besorgte schließlich ein Schlauchboot, mit dem es gelang.

"Mein Lebenswerk", sagt er und deutet auf das Haus. Ein paar Sachen aus dem oberen Stockwerk konnte er bereits am Montag herausholen. Eine Aktion mit Hindernissen. Jemand hatte von Plünderern gesprochen. Nur wenig später schwebte der Hubschrauber der Bundespolizei über dem Haus. "Die Leute vom THW, die mir geholfen haben, haben dann ihre Funkverbindung auf einem Schild hoch in die Luft gehalten. Danach konnten sich beide Seiten per Funk verständigen und klar machen, dass ich nur meinen Kram aus dem Haus retten wollte", erzählt Weese. "Aber da war mir schon anders."
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Anders wird es auch Gerhard Mühle, der ein paar Häuser weiter wohnt. Er ist zu seiner Tochter in den ersten Stock gezogen, in die Wohnküche. Das Erdgeschoss ist abgesoffen. Seine Frau ist im Krankenhaus, sollte eigentlich entlassen werden. Nun kann sie nicht nach Hause. "Jetzt soll sie ins Pflegeheim", erzählt der alte Mann. "Aber ich habe doch gar kein Geld dafür. Ich weiß gar nicht wie ich das bezahlen soll." Unsicher schaut er dem Bagger zu, der den Müll verlädt. "Ich weiß gar nicht, ob man da irgendwo Hilfe bekommen kann."
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Ein leerer Container wird abgeladen. Die Helfer stürzen sich förmlich auf den nächsten Haufen. Leute aus Hagenwerder, Leute aus Görlitz. "Ich bin bisschen enttäuscht", meint ein Görlitzer. "Ich hätte eigentlich mehr erwartet, die hier helfen." Zwei junge Frauen, die ebenfalls dem Aufruf der Stadt gefolgt sind, zucken mit den Schultern. "Das dauert noch Tage, bis hier alles weg ist." Dann greifen, tragen und werfen sie in den Container, was hineinpasst. Es ist viel weniger als in der Presse. "Etwa 700 Kilo sind das im Container", sagt Otto. In seiner Presse sind es sieben Tonnen.
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Stolz zeigt einer der Einheimischen die Fahnen des früheren Sportklubs in Hagenwerder. Die hat er nicht nur gerettet, sondern auch schon gewaschen. Inzwischen trocknen sie in seinem Garten. Ungefähr an der Stelle, wo am Wochenende zuvor der Mercedes des Sohnes abgesoffen ist. "Den haben wir nicht mehr rausgekriegt", erzählt er.
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Kaum ist die Presse wieder da, beginnt das Einsammeln. Die Haufen auf der Straße der Freundschaft sind nun dran. Inzwischen sind rund 25 Helfer am Einräumen. Sie stehen förmlich Schlange beim Hineinwerfen, müssen aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig wegschubsen. "Zu wenig Fahrzeuge", meint eine Frau. "Aber was soll man machen, die sind halt überall unterwegs. Besser eins als keins." In Rekordzeit ist das Müllauto voll. "Stopp", ruft Otto. Die Presswand ist schon hinterm Fahrerhaus angekommen. Hier passt nichts mehr hinein.
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Auf seiner Fahrt nach Kunnersdorf kommt er gut durch. "Vorhin standen Gaffer auf der B 99", erzählt er. "Autos, einfach so am Straßenrand abgestellt, weil die mal gucken wollten wie das aussieht am Berzdorfer See", sagt er und schüttelt den Kopf. "Da heb ich ewig gestanden bis ich vorbei konnte."
 
Auch jetzt sammeln sich die Fahrzeuge. Aus München, Hamburg, Freiburg, aus Münster und sogar dem Saarland. Aber auch viele Einheimische sind darunter. Immerhin stehen sie nicht auf der Straße. Auch an der Deponie geht es schnell. Kein anderes Fahrzeug ist da. Nur ein Mitarbeiter der Deponie fragt, ob es in Hagenwerder Helfer gibt. Man habe noch ein Fahrzeug frei. Ungenutzt. "Dann los", sagt Otto. "Helfer sind genug, Fahrzeuge brauchen wir." Dann lädt er den Müll ab. Zwei Fahrzeuge schieben die Haufen breit, verdichten sie mit stacheligen Metallwalzen statt Rädern.
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"Das wird später wieder aufgeladen mit Baggern und kommt in die Müllverbrennungsanlage", erzählt Otto. "Ist halt ein Provisorium. Aber der Müll muss schließlich weg". fügt er hinzu. Seit morgens 5:30 Uhr ist er unterwegs. Sein Chef ruft an, will ihn nach Hause schicken. Otto will noch zweimal fahren. "Ich kann die Leute nicht im Stich lassen", sagt er. "Ich versteh die auch, dass die das weghaben wollen." Auch sein Chef versteht. Auch er baggert seit dem Morgen Müll weg, in Weinhübel.
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Etwas schneller ist Otto mit seiner Presse wieder zurück. 80 statt 90 Minuten hat er gebraucht. Kaum steht er, werfen die Menschen wieder Müll in das Fahrzeug. Drei Männer schaufeln den übriggebliebenen Schlamm weg und kehren die Straße. "Heute Abend soll es noch Wiener Würstchen für die Helfer geben", freut sich eine der beiden jungen Frauen. Dann ist Otto schon wieder unterwegs. Und die Helfer schauen nach, ob irgendwo ein leerer Container steht. Ein Hubschrauber überfliegt den Ort. "Ob da Angela drin sitzt", fragt einer der Männer. "Die kommt nicht mehr hierher", sagt ein anderer und winkt ab. "Wozu auch?"
 
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