BuchCover Alexander Donner Ein Maedchenschicksal - RolfHill
 „Ist das Leben nicht ein Geheimnis“, fragte mich vor einiger Zeit meine langjährige tschechische Freundin Hanka. „Ja, das ist es wohl“, erwiderte ich – zum einen aus der eigenen Erfahrung meines nun schon 65 Jahre dauernden Aufenthaltes auf Erden und zum anderen erst recht, nachdem ich ein kürzlich erschienenes, mich beim Lesen außerordentlich berührendes Buch bekam. „Und jeder hat sein eigenes, in das man nur sehr schwer, oder auch gar nicht eindringen kann.“

Das gilt auch dann, wenn man verzweifelt versucht, einem nahestehenden, innig geliebten Menschen zu helfen. Immer wird man am Rande oder gar ganz außerhalb dessen stehen, was wirklich im Inneren des Anderen vorgeht. Diese schmerzliche Erfahrung mussten auch Elfriede und Alexander Donner aus Löbau machen, als ihre Tochter Michaela 1979/80 als Schülerin der 11. Klasse in der Erweiterten Oberschule ein zunächst fast unbemerktes, später dann aber deutlich abweichendes Verhalten von ihren bisherigen Gewohnheiten zeigte.

Die Diagnose am Ende war ein Schock: Im Zusammenhang mit der Pubertät hatte sich eine Stoffwechselkrankheit eingestellt, die schließlich zu einer psychischen Erkrankung führte. Nach Auskunft der behandelnden Ärzte eine katatone Schizophrenie.
Welche Dramatik das Geschehen am Ende annehmen würde, vom echten Überlebenskampf, über Abschiedsbrief und Suizidversuch, bis hin zur gegenwärtigen Genesung, konnten damals weder das Mädchen bzw. die junge Frau selbst, noch keines der anderen Familienmitglieder ahnen. Nun, mit dem Abstand der Jahre und dem ehrlichen Willen, zur Aufklärung über den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen beizutragen, versuchten die Donners, ebenfalls betroffenen Angehörigen etwas aus eigener Erfahrung zu vermitteln, um so mögliche unbegründete zwischenmenschliche Zerwürfnisse und katastrophale Folgen auf den Krankheitsverlauf durch falschen Umgang mit den Patienten zu verhindern. Für beide war dieser lange Kampf mit oft ungewiss scheinendem, doch glücklich ausgegangenem Kampf um Michaela, der in erster Linie aber deren eigener war, Anlass, das Schicksal ihrer Tochter in Verbindung mit dem der ganzen Familie für die Öffentlichkeit niederzuschreiben.
Dazu Prof. Dr. Donner selbst:
„Wir haben in unserem persönlichen Umfeld und auch durch die Medien eine Zunahme solcher Erkrankungen erfahren. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass noch immer viel zu viel über Ursachen, Heilungsmöglichkeiten oder überhaupt Umgang mit den Patienten im Unklaren ist. Deshalb wollen wir anderen Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite stehen.“
Eine große Rolle spiele dabei auch immer wieder die öffentliche Meinung und Verhaltensweisen zu psychisch kranken Menschen. Solche Aussprüche wie: „Der ist doch reif für die Klapsmühle“ gehören ja längst nicht der Vergangenheit an. Besonders schlimm werde es dann, wenn das gesamte Umfeld eines Betroffenen aus Unverständnis oder plötzlicher Ablehnung wegbricht, betont er. Diese völlige Zerstörung des sozialen Milieus habe bestimmt schlimme Folgen.
Diese Erkenntnis war für Elfriede und Alexander Donner maßgebend, ihrer Tochter nach der Rückkehr aus dem Fachkrankenhaus sofort stets wieder ein sicheres soziales Hinterland zu bieten, was Michaela offensichtlich auch stets dankbar annahm.

Immer wieder rückt Alexander Donner, der ja neben der geistigen Mitwirkung seiner Ehefrau eigentlicher Autor des Buches ist, die Rolle und Verantwortung der Familie in den Mittelpunkt. So erfährt der Leser auch grundsätzliche Dinge aus dem Leben des Elternpaars, die der 78jährige ganz bewusst einfließen lässt, um Entwicklungen und Motive zu verdeutlichen, die letzten Endes in der Wahrnehmung der Verantwortung für jedes einzelne Familienmitglied münden.

Donner AlexanderGeboren im erzgebirgischen Scharfenstein verlebte Alexander Donner seine Kindheit als Sohn eines Schuhmachers in bescheidenen, aber liebevollen Familienverhältnissen. Nach der Schule erlernte er im Zschopauer Motorradwerk den Beruf des Werkzeugmachers. Ein Studium an der Ingenieurschule Zwickau schloss sich an.
Rückblickend auf die Schrecken des 2. Weltkrieges und die schwere Zeit danach, sieht er gerade diese Jahre voller Sorgen und Entbehrungen als prägend für seinen gesamten weiteren Lebensweg. So etwas sollte und durfte nie wieder geschehen. Das war wohl für ihn der Hauptgrund, 1953 Angehöriger der damaligen Kasernierten Volkspolizei zu werden, aus der bekanntlich später die Nationale Volksarmee der DDR wurde. Bis zur gesellschaftlichen Wende trug er deren Uniform.
In den Jahren seines Armeedienstes diplomierte und promovierte (A und B) er an der TU Dresden. An der Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“ Löbau war Professor Donner, inzwischen mit dem Dienstgrad Oberst, als Sektionskommandeur für die mathematische, naturwissenschaftliche und ingenieurtechnische Grundlagenausbildung verantwortlich. Er war in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien der Ministerien für Hoch- und Fachschulwesen und Nationale Verteidigung tätig. Nach der Abwicklung der Offiziershochschule und seinem Ausscheiden aus dem Armeedienst wirkte er bis 2008 als Mitglied und Vorsitzender der Fraktion PDS, später „Die Linke“, in den Kreistagen der Landkreise Löbau und Löbau-Zittau.

Mit großer Feinfühligkeit schildert der Autor das von Liebe und grenzenlosem Vertrauen gekennzeichnete Verhältnis zu seiner Frau Elfriede. Das beginnt mit dem ersten Kennenlernen der damaligen Schwesternschülerin in fröhlicher Runde beim Tanz auf dem Erfurter Steiger und findet mit Schwangerschaft und Hochzeit eine glückliche Fortsetzung. Doch das Leben ist hart. Mit dem schrecklichen Tod des Sohnes steht das junge Ehepaar vor einer ersten Zerreißprobe, die von beiden gemeinsam gemeistert wird. Auch sonst herrschte natürlich trotz aller Harmonie im familiären Milieu nicht immer nur eitel Glück und Sonnenschein. Wer könnte das schon von sich behaupten? Es wäre wohl mehr schlechtes Theater bzw. gegenseitige Schauspielerei. Gerade die Ehrlichkeit in der Beziehung war aber wohl der maßgebliche Grund dafür, dass Elfriede und Alexander Donner auch diesen letzten Schicksalsschlag akzeptierten, indem sie alles in ihren Kräften stehende unternahmen, um ihrer Tochter Michaela zu helfen. Oft der Verzweiflung nahe, gaben sie nicht auf.  Michaelas nun schon etwas länger zurück liegende Rückkehr ins Leben ist für sie der schönste Lohn.

„Sie lebt heute völlig selbständig ihr eigenes Leben“, erzählt Alexander Donner. „Sie hat aus weitgehend eigener Kraft ihre Krankheit besiegt. Und sie schenkte uns zudem zwei prächtige Enkel.“ Die Jungs absolvierten nicht nur erfolgreich das Gymnasium, sondern erreichten beide auch akademische Abschlüsse. Trotzdem ist ihm und seiner Frau bewusst, dass die Genesung der alleinige Sieg ihrer Tochter war, deren Ringen sie über anderthalb Jahrzehnte trotz aller Liebe, Fürsorge und Zuneigung nur von außen beobachten konnten. Alexander Donners Fazit:
„Es gelang uns kaum, in Michaelas innere Welt zu blicken. Und dennoch nehmen wir, berechtigt oder unberechtigt, verdient oder anmaßend, am zunächst glücklichen Ausgang der Krankheit teil. Unsere Entspannung ist nicht frei von Zweifeln und Befürchtungen. Aber unser Hoffen ist ungebrochen.“

„Wie merkwürdig ist die Situation von uns Erdenkindern! Für einen kurzen Besuch sind wir da. Er weiß nicht, wofür, aber manchmal glaubt er, es zu fühlen. Vom Standpunkt des täglichen Lebens ohne tiefere Reflexionen weiß man aber: Man ist da für die anderen Menschen – zunächst für diejenigen, von deren Lächeln und Wohlsein das eigene Glück völlig abhängig ist, dann aber auch für die vielen Unbekannten, mit deren Schicksal uns ein Band des Mitfühlens verknüpft. Jeden Tag denke ich unzählige Male daran, dass mein äußeres und inneres Leben auf der Arbeit der jetzigen und der schon verstorbenen Menschen beruht, dass ich mich anstrengen muss, um zu geben im gleichen Ausmaß, wie ich empfangen habe und noch empfange.“

Albert Einstein

 

 

Info:
Die Herausgabe des Buches wurde gesponsert von der Stiftung der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien. Dabei wurde vereinbart, dass der sich aus dem Verkauf des Buches ergebende Gewinn einer Einrichtung zugute kommen wird, die sich der Behandlung und Rehabilitation ähnlich betroffener Menschen widmet.

Titel: Ein Mädchenschicksal – Von der Verantwortung der Familie
Autor: Alexander Donner
ISBN: 978-3-9813549-6-6
Herstellung und Verlag:
Gustav Winter Druckerei und Verlagsgesellschaft mbH
02747 Herrnhut

 

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