PaternosterMeinesLebensScholz22092010„Trotz meiner Jugend wurde mir klar, dass dieser Viadukt über die Neiße hinüber nach Reichenberg ein Teil von Zittau ist, wie das Schinkelsche Rathaus, die Johanniskirche und andere altehrwürdige Bauten. Für mich, aber gegen die mir unterstellte Sprengtruppe, war es einfach unmöglich, das Bauwerk zu zerstören.
Deswegen wagte ich die erste Befehlsverweigerung meiner ganzen bisherigen militärischen Laufbahn, die mich wenige Stunden später beinahe meinen Kopf gekostet hätten.“

Diese Zeilen, geschrieben von einem alten Mann in einem sehr persönlichen Brief, zeigen noch einmal, welch unvorstellbarer seelischer Konflikt auf dem damalige Fahnenjunker Unteroffizier Dietrich Scholze am Morgen des 7. Mai 1945, als das Ende schon deutlich abzusehen war, lastete.

Da gab es den Führerbefehl Nero 1, der für ihn als angehenden Wehrmachtsoffizier besagte, es wird alles kurz und klein gehauen. Bloß nichts dem Feind überlassen! Ausgerechnet er, der seine Geburts- und Heimatstadt Zittau so liebte, sollte als Zugführer der Eisenbahnpioniere eines ihrer symbolträchtigsten Bauwerke vernichten.

Er konnte es nicht, lies stattdessen in letzter Minute alle bereits von seinen Männern eingebauten Zündkabel heraus reißen, die Sprengkapseln vorsichtig entfernen und alles hinunter in die Neiße werfen. Der Viadukt und somit die wichtige Eisenbahnverbindung Zittau-Reichenberg (heute Liberec), deren 150jähriges Jubiläum erst im Dezember vergangenen Jahres begangen werden konnte, waren durch diesen mutigen, aber mehr emotionalen Entschlussgerettet.

Es ist nur ein kurzer, wenn auch charakteristischer Ausschnitt aus den Erinnerungen des heute 83jährigen Autors, der seine bewegende Lebensgeschichte 2006 in dem Buch „Im Paternoster meines Lebens“ mit dem Untertitel „Dietrich Scholze zwischen Himmel und Hölle“ niederschrieb. Beginnend mit der Fassungslosigkeit und Ohnmacht über die Bombardierung Dresdens am 13. und 15. Februar 1945 schildert er all die ungewöhnlichen, tatsächlich einem ständigen Auf und Ab wie im Paternoster gleichenden Stationen. Und er begreift schon früh: Du musst Dich durchsetzen, auch wenn Du gerade mal ganz unten bist.

Tiefen und menschliche Tragödien wie die Gefangenschaft, der Verlust geliebter Menschen, gesundheitliche und berufliche Rückschläge wechseln mit Momenten höchsten Glücksgefühls, das in erster Linie durch die unerschütterliche Liebe zu seiner „Six“, der Ehefrau Sigrid, geprägt war und noch immer ist.

Besonders der ältere Leser wird sich beim Lesen des autobiografischen Buches an eigene, ähnlich schwierige Situationen während des Krieges und unmittelbar danach erinnern. Hinzu kommt die Detailtreue, mit der Dietrich Scholze den jeweiligen Schauplatz des Geschehens beschreibt. Schließlich sind nicht nur Zittau, Oybin, Jonsdorf und der Kaltenstein, sondern auch Grottau (Hrádek nad Nisou), der Jeschken (Ještěd), Hammer am See (Hamr na Jezeře), Wartenberg (Stráž pod Ralskem) und Breslau (Wrocław) für den Leser hierzulande vertraute Namen, hinter denen sich für ihn inzwischen oft eigene, wenngleich nicht derart dramatische Erlebnisse verbinden.

Interessant ist auch die Schilderung der wirtschaftlichen Situation im Nachkriegs-Zittau, der Überlebenskampf seiner Bewohner und der Wille, wirklich aus den Ruinen wieder etwas Lohnens- und Lebenswertes erschaffen zu wollen bis hin zu den Beweggründen, schließlich der geliebten Heimat den Rücken zu kehren.

Auch der Neuanfang im Westen ist schwer, denn nicht nur berufliche Probleme müssen bewältigt werden auf der Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen. Doch immer wieder wird es zwischen den Zeilen deutlich, dass Dietrich Scholze und seine Sigrid, inzwischen längst Urgroßmutter, auch im hessischen Frankenberg an der Eder die Bindung an die Oberlausitz nie verloren haben. Und so heißt es auch in dem eingangs erwähnten und jedem weiteren inzwischen bei mir eingetroffenen Brief: „Als ,alte Zittauer´ kommen wir gelegentlich in die alte Heimat. Wir könnten uns jederzeit gern treffen.“ Warum nicht, aber das wäre dann schon wieder eine andere Geschichte.

 

„Im Paternoster meines Lebens
Oder: Dietrich Scholze zwischen Himmel und Hölle“

Dietrich Scholze * ISBN: 978-3-8334-5333-5

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