IrvingJohnTwistedRiver10062010Daniel ist zwölf, als sein Vater und er auf die Flucht gehen. Auf die Flucht vor einem verrückten Sheriff, dessen Geliebte Daniel mit einer Bratpfanne erschlagen hat, weil er sie - schlaftrunken - für einen Bären gehalten hat, als sie gerade mit seinem Vater schlief.
Zu diesem Zeitpunkt lebt Daniel mit seinem Vater, der Koch ist, in einem Holzfällerlager. Gerade ist ein junger Flößer zerquetscht worden. Ungefähr an derselben Stelle, an der ein Jahr zuvor auch seine Mutter ums Leben gekommen war. Als sie nach einer Party zusammen mit Dannys Vater und dessen Freund Ketchum aufs nicht mehr feste Eis gegangen und dort eingebrochen war.
So beginnt Twisted River, John Irvings jüngster Roman - und so geht er weiter. Tragödien, die scheinbar kein Ende nehmen wollen. Daniel wird selbst Vater, die Frau lässt ihn mit dem Kind sitzen. Als der Sohn erwachsen ist, stirbt er bei einem Unfall. Wenig später stirbt auch Daniels Vater.

Daniel - inzwischen ein berühmter und gefeierter Schriftsteller -  lebt mit all diesen Dramen. John Irving lässt ihn erleiden, wovor jeder Mensch die größte Angst hat. Immer wieder ist das ein Thema in seinen Romanen. In "Garp und wie er die Welt sah" stirbt ein Sohn und schließlich stirbt Garp selbst. In "Witwe für ein Jahr" hat Ruth ihre beiden Brüder verloren, bevor sie selbst zur Welt kommt. Als Vierjährige verlässt ihre Mutter sie, weil sie keine schlechte Mutter sein will.

In Owen Meany wird ein kaum erwachsener Junge zum Retter einer Gruppe von Kindern und stirbt selbst dabei. In Twisted River allerdings geschehen all diese Dinge einem einzigen Menschen. Wie ein moderner Hiob muss Daniel all diese Tragödien erleiden. Doch keines dieser Ereignisse trifft den Leser so ins Herz, wie es das Unglück geschafft hat, das Garp, Owen Meany oder Ruth widerfahren ist.

Man bleibt ein fast unbesorgter Beobachter, kaum neugierig. Es ist, als ob Irving mal wieder hätte ein Buch schreiben wollen und als sei ihm nichts wirklich eingefallen. Als habe er all seine Ängste auf einen Haufen gepackt und all die Dinge, vor denen er selbst Angst hat, einem alter Ego widerfahren lassen, um sich selbst davon frei zu kaufen.

Das tut er teilweise langatmig, phrasig und klischeehaft. Möglicherweise ist das der Übersetzung durch Hans M. Herzog geschuldet. Irving walzt breit, nur selten blitzt sein Humor auf und noch seltener zieht die Geschichte in ihren Bann. Stattdessen lässt er sich lang und breit über das Schreiben an sich aus, kokettiert damit, dass er Vonnegut und andere berühmte Schriftseller persönlich kannte, bringt ganz offensichtlich seine eigenen schriftstellerischen Anschauungen ins Spiel, obwohl er nicht müde wird, zugleich auf Kritiker einzuprügeln, die ständig nach autobiographischen Ähnlichkeiten suchen. Und so hat man am Ende der Geschichte nicht das Gefühl, das man sonst bei Irving regelmäßig genießen durfte: ein tolles Buch gelesen zu haben. Vielmehr bleibt der Eindruck eines alten Mannes, der sich ein bisschen selbst beweihräuchert. Auf Kosten seines Hiobs Daniel. 




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John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

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