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Wolf, Christa "Es war vorbei. Ich hatte verstanden ... Wenn man immer wüsste, was noch kommen wird." Das schreibt Christa Wolf in ihrem Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" in Erinnerung an den 9. November 1989 als die Menschen in den Westen strömten, weil die Mauer gefallen war. "Ja, was dann", möchte man zurückfragen.

Noch am 4. November 1989 hatte sie auf der ersten derartigen Großdemonstration in der DDR eine Rede gehalten.  Darin sagte sie: "Misstrauisch starren wir auf manche plötzlich ausgestreckte Hand, in manches vorher so starre Gesicht... Wir fürchten, benutzt zu werden. Und wir fürchten, ein ehrlich gemeintes Angebot auszuschlagen."

Hätte sie dann eine andere Rede gehalten? Oder gar keine? Wäre sie nicht 1992 und 1993 nach Kalifornien gereist, um sich dort zu verkrümeln, ihre Wunden zu lecken, vor den Selbstgerechten fliehen, die sie gerade in Deutschland zerrissen, weil sie neben ihrer dicken Opferakte eine schmale Täterakte gefunden hatten? Christa Wolf als IM Margarete?

Niemand, der in der DDR aufgewachsen ist, wird dieses Buch als Fiktion nehmen können. Jeder, der verzweifelt versucht hatte, "Kassandra" zu ergattern, oder auch "Nachdenken über Christa T" - Bücher, die man nicht einfach mal eben so kaufen konnte - wird die Suche nach der Antwort auf die Frage "Wie konnte ich das nur vergessen" nicht als reine Prosa begreifen. Stattdessen vielmehr als Teil der eigenen Geschichte, des Lebens in einem Land, das nur 40 Jahre existierte und dessen Haltbarkeit eher abgelaufen war als der Pass, mit dem Christa Wolf in die USA reiste.

Und dennoch erzählt sie auch eine Geschichte. Ob fiktiv oder nicht - was spielt es für eine Rolle? Wie sie dem Schicksal einer Freundin nachspürt, die in die USA emigriert war. Wie die Menschen, die sie dabei trifft auf die Wiedervereinigung in Deutschland reagieren oder auch nicht. Wie sich die Erzählerin ihren Tagesablauf zurechtlegt, so dass sie auf keinen Fall eine Folge Star Trek verpassen kann. Ihre Sehnsucht nach der heilen gerechten Welt, "mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu Schaden kommen würde."
Mit ihrem fast lakonischen Schreibstil, der nur wenig direkte Rede kennt, hält sich Christa Wolf die Handlung selbst vom Leib, wahrt Distanz. So als ob ihr die Realität nicht zu nah kommen dürfe. Zugleich wird klar, dass ihr diese bereits auf den Leib gerückt ist, und sie sie kaum abschütteln kann.

Schutz gibt es nur im Mantel Dr. Freuds. Von dort betrachtet sie dann erstaunt, wozu andere Menschen fähig sind. So, wie sie es bereits in ihrer Rede vom 4. November 1989 anklingen lässt. "Verblüfft beobachten wir die Wendigen, im Volksmund 'Wendehälse'· genannt, die, laut Lexikon, sich 'rasch und leicht einer gegebenen Situation anpassen, sich in ihr geschickt bewegen, sie zu nutzen verstehen'." Ein Talent das sie nicht hat. Sie, deren Gedanken so sehr um die vermeintliche Verfehlung kreisen, dass sie sie fast 20 Jahre nach ihrem US-Aufenthalt in einem Buch festhält. Und dabei immer noch die Antwort sucht. "Wohin sind wir unterwegs?", fragt sie am Ende des Buches. Und erhält zur Antwort: "Das weiß ich nicht."

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Christa Wolf: Stadt der Engel oder...

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